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Der Morgen · 1933-06-01 · Heft 2 (Juni 1933) · p. 135

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 2 (Juni 1933)
Article
Palästinische und alexandrinische Schriftforschung
Date
1933-06-01
Page
135 (sequence 14)
Language
German
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Palästinische und alexandrinische Schriftforschung ist der Auszug aus Ägypten lehrreich. Weshalb haßten die Ägypter die Israeliten? Weil sie ihnen, so meint der Midrasch, überall in den Vergnügungsstätten begegneten, im Zirkus und auch im Theater, das damals selten höheren Genüssen diente. Was stand ihrer Erlösung im Wege? Ihr eigenes Verhalten — z. B., daß sie die Bestrafung des Ägypters durch Moses nicht geheim hielten, also nicht einig zusammenstanden. Und weshalb wurden sie doch erlöst? Eine der Antworten lautet: durch das Verdienst der frommen Frauen. Man sieht: wie die ewige Frage nach der Entstehung traditionsfreier Frömmigkeit an die Person Abrahams gleichsam herangebracht und durch seine Erscheinung gelöst wird, so stellt auch der Midrasch an die ägyptische Leidensgeschichte die anachronistischen oder vielmehr achronistischen, überzeitlichen Fragen nach Ursprung. Sinn und Ende des Judenleides. Und seine Antwort, daß dies Leid so lang dauern wird, wie Juden der Mäßigung entsagen und der Pflicht des Zusammenhaltens vergessen, daß aber solange eine Hoffnung winkt, wie der Herd der Häuser unversehrt bleibt, sie tönt von der Vergangenheit unmittelbar in die Gegenwart hinüber, in die Gegenwart der Ausleger, wenn .nicht in unsere eigene. Nur leicht können wir andeuten, wie der Verschiedenheit der exegetischen Zielsetzungen die Unterschiede der Lebensziele entsprechen, welche die Exegese erweisen will, und der Methoden, deren sie sich bedient. Das höchste Ziel ist für einen Philon die Erhebung über das Leben, die er entweder in der wissen? schaftlichen Abstraktion des „betrachtenden Lebens" oder in der Extase der „schauenden Menschen" vollzogen denkt; in seinem Moses, den er sich als Philosophen wie als Visionär vorstellt, gelangen beide Ideale zu vollendeter Synthese. Aber solche Erhebung, die zugleich eine Absage an das Leben darstellt, ist dem rabbinischen Judentum, das in unseren Midrasclüm weiterlebt, nahezu fremd; selbst die Visionäre und Extalikcr sind nur zum kleinen Teil fromme Anachoretcn gewesen; sind doch gerade aus ihnen fanatische Kämpfer hervorgegangen; und für wissenschaftliche Abstraktion, ja, für „lernen" in unserem Sinne hat das Hebräische gar kein Wort: die bekannte Wurzel, von der sich z. B. Talmud ableitet, bedeutet ebensogut die praktische Einübung und Gewöhnung wie die theoretische Einsicht. Dieser ungleich stärkeren Hingabe an die Wirklichkeit entspricht die Wahl der Mittel, deren sich die Rabbinen zur Veranschaulichung bedienen. Sucht Philon, wie wir bei der Behandlung der Kindespflichten sahen, die Erscheinungen in Ideenzusammenhänge aufzulösen und das Recht der einzelnen Ideen wissenschaftlich zu erweisen, so 135

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