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Der Morgen · 1933-06-01 · Heft 2 (Juni 1933) · p. 134

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 2 (Juni 1933)
Article
Palästinische und alexandrinische Schriftforschung
Date
1933-06-01
Page
134 (sequence 13)
Language
German
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I. Heinemann schreitung eines Flusses oder einer Grenze brachte. Und nun raeint er, jeder von uns müsse dieses Opfer bringen, indem er den Strom der Lust und der Leidenschaft durchschreite. So erleben wir jenen „Übergang" von damals auch heute. Nun heißt es auch in der Haggada: in jeder Generalion sollen wir uns so ansehen, als seien wir aus Ägypten gezogen. Auch liier also eine Verewigung des Einmaligen, zeitlich Gebundenen. Aber wie ganz anders ist sie gemeint! Bei Philon ist das Ereignis aus der volklich-geschichtlichen Sphäre gehoben und zum individuell-seelischen Vorgang vergeistigt; bei den Rabbinen bleibt seine lebendige Frische bestehen, ja, sie wird durch Weiterbildungen, wie wir sehen werden, noch gesteigert; ab^r jener Übergang Israels von „seelischer Enge und harter Fron" zur inneren und äußeren Freiheil des Goltesvolkes ist nicht etwas Einmaliges, gleichsam geschichtlich Verkrustetes, sondern wird zumal durch Ritus und Erzählung des Festabends in jeder Generation aufs neue als gemeinsames Volkserlebnis empfunden. Auf dieser Empfindung beruht das geschichtliche Selbstbewußtsein Israels; wie sich der Mann auf der Höhe des Lebens identifiziert mit dem hilflosen Wiegenkinde, das einst seinen Namen trug, so setzt sich das heutige Israel gleich mit demjenigen, das einstmals erlöst wurde, und natürlich auch mit demjenigen, das einstmals erlöst werden wird; „ich ward des Leidens satt in Ägypten; mich brachte er in seinen heiligen Tempel; gegen mich erhoben sich die Griechen", so gedenkt der Jude der Gegenwart seiner eigenen Geschichte.1) Es gibt in Cohens Konstruktion des Judentums kaum einen schwereren Irrtum als den, daß es seinen Gott nur als den Gott der Zukunft erkannt habe. Weit stärker als jener von Cohen angeführte Salz vom ,.neuen Himmel und der neuen Erde" wirkt sich in jüdischer Frömmigkeit die .Mahnung aus: „auf daß du gedenkest des Tages deines Aufzuges aus Ägypten alle Tage deines Lebens". Und das Gefühl der Kontinuität, ja, der Identität mit der Gemeinde vom Schilfmeer und vom Sinai ist zugleich Same und Frucht der midraschischen Weiterspinnung der biblischen Geschichte, die das „bildnerische Gedächtnis" Israels2) erzeugt hat. Denn wie die Vergangenheit gleichsam in die Gegenwart hineingenommen und als Gegenwart empfunden wird, so wird umgekehrt die Vergangenheit aus der Gegenwart gedeutet und eben dadurch für sie fruchtbar gemacht. Wiederum i; Da« dt-** _>YI<ruiig des Juden, seine Geiiioinw-I^fl ab fibcrgoschuhtliclics Ich zu empfinden, in ^ewi-sem Sinne bereits in die biblische Zeit zurückgeht, zeigt neuerdings LÜSfeldt. Der C.tU^U.xlit l*i Deulerojesaja, itji3, 19 f. -) Martin P.ubcr, Kampf um Israel, ig33, 87. 134

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