Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Palästinische und alexandrinische Schriftforschung
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 132 (sequence 11)
- Language
- German
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I. Heinemann der Lebensbeschreibung und dem systematischen der Lobrede. Das Material, mit dem er arbeitet, entnimmt Philon fast ausschließlich der Thora; nur selten übernimmt er einen midraschischen Zug; manchmal modernisiert er unwillkürlich; so etwa gibt er seinem Moses Ägypter, Griechen und selbst Chaldäer zu Lehrern, die ihn in allen Wissenschaften unterweisen. Den Hauptnachdruck legt er auf den systematischen Nachweis, daß Moses der größte König und Gesetzgeber, der wahre Priester und Prophet gewesen ist. Und hier wiederholt sich die Erscheinung, die wir bereits aus der Behandlung der Gesetze kennen: der rednerische Schwung trägt ihn über alles Problematische und Einschränkende hinweg. Die schwere Sünde des Moses beim Haderwasser bleibt bei Philon, natürlich auch bei. Josephus, unerwähnt; sein Tod vor dem Betreten des heiligen Landes erscheint nicht als Sühne menschlicher Schuld, sondern als rühmliche Erhöhung und Aufhebung der Zweiteilung von Leib und Seele. Nun zeigt sich die Neigung zu solchen apologetischen Retuschen gelegentlich auch im Midrasch, vor allem, wo wir Anlaß haben anzunehmen, daß man die Angriffe christlicher Gegner auf biblische Gestalten abzuwehren suchte. Aber wie die Gesetzesauslegung, so sucht im allgemeinen auch ehe Darstellung der Persönlichkeiten den Schranken Rechnung zu tragen, die die Bibel selber zieht. Daß etwa Moses nicht die Liebenswürdigkeit und daher die Beliebtheit seines Bruders Aron besaß, betonen die Rabbineii mehrfach; sie werfen sogar die Frage auf, die für einen Philon undenkbar wäre, ob nicht außerhalb Israels ein ihm ebenbürtiger Prophet entstanden ist, etwa in der Person eines Bilcam. Allein so, wenig v.ic die Ehrfurcht vor den Eltern oder vor dem Sabbat, wird durch diese freimütige Betonung der Schranken die Verehrung für die lichten Gestalten der Vorwelt herabgesetzt. Sie zeigt sich nicht nur in einzelnen Werturteilen, sondern vor allein in der lebendigen Weilerspinnung der biblischen Erzählungen, ganz analog derjenigen der biblischen Gesetze. Wenn Philon in zeitgemäßer Rhetorik die menschliche Größe eines Abraham rühmt, so führen die Rabbincn den Faden der Erzählung einfach weiter und gelangen dadurch zu anschaulichbildhafter Lösung solcher Probleme, für welche Philon nur eine abstrakte Antwort hat. So finden wir bei Philon, nach griechischer Quelle natürlich, die Frage besprochen, wie die Menschen zum Golte-glauben gelangt sind. Diese Frage hat die Rabbinen nicht beschäftigt; Menschen ohne Goltesglauben sind für sie unvorstellbar; um so brennender ist für sie die Frage, wie ein Mensch vom heidnischen zum wahren Glauben gelangen kann. Und sie lösen sie nicht durch psychologische Erwägungen, sondern einfach durch Erzählungen von Abraham, 132