Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Palästinische und alexandrinische Schriftforschung
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 128 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895518-2902997--06396-2903056- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I. Heinemann und „Erforschung" — zwar nicht zwischen den Methoden beider, wohl aber zwischen ihren Ergebnissen. Sie stellen dem Wortsinn, Pschat, die Auslegung, Drasch, gegenüber. Und diese Unterscheidung ermöglicht die Aufstellung methodischer Grundsatze für beide. Der Pschat kann notwendig nur einer sein; und er unterliegt der Diskussion; er kann nicht nur bewiesen, sondern auch widerlegt werden. Dagegen gilt der Grundsatz, daß der Drasch nicht widerlegt werden kann; er trägt ja seinen Sinn nicht in seiner objektiven Wahrheit, sondern in seiner religiösen Fruchtbarkeit. Nun stellt freilich der Talmud den Grundsatz auf, daß kein Bibelvers seinen Wortsinn, Pschat, verlieren darf. Darin scheint eine Mißachtung des Drasch zu liegen. Aber abgesehen davon, daß dieser Grundsatz im Talmud nicht unbestritten ist, so ist er auch da, wo er anerkannt wurde, sehr verschieden ausgelegt worden. Maimuni, der Fürst der wissenschaftlichen Forschung, faßt ihn in der Tat in dem Sinne, daß neben dem einzig wahren Wortsinn nur ein unverbindliches Spiel möglich ist Ganz anders Nachmanides, der Führer der mystischen Bewegung. Nach ihm' darf und soll neben den Wortsinn die Auslegung, und zwar die vielfältige Auslegung, mit gleicher Autorität treten. Gleich jenen Koranerklärern, die stolz darauf waren, daß ihr heiliges Buch „vielerlei Antlitze" trägt, lehrt er, daß das Schriftwort dem Felsen gleicht, der unter dem Ilammerschlage zahllose Funken sprühen läßt. So bekennt sich Maimuni zu jenem Grundsatz der Eindeutigkeit, in welchem neuerdings z. B. Hugo Dingler das Wesen wissenschaftlicher Betrachtung erkannt hat; Nachmani dagegen betont die geheimnisvolle, nicht durch einheitliche Deutung zu enträtselnde fruchtbare Tiefe des Bibelworts. Hier stehen sich Forschung und Erforschung, vertreten durch führende Persönlichkeiten, mit besonderer Deutlichkeit gegenüber. Wir müssen es uns versagen, die gemeinsamen Eigentümlichkeiten palästinischer und alexandrinischer Erforschung noch eingehender zu behandeln. Sie werden uns zum Teil gerade dann deutlicher werden, wenn wir nunmehr den Unterschieden beider Schulen unser Auge zuwenden, die vielleicht Frankel etwas zu schematisch bezeichnet hat. Er meint, die Hellenisten seien mit der Spekulation an die Schrift herangegangen, die Rabbinen mit dem Licht der Schrift an die Spekulation (S. 28). Hier werden zweifellos vorhandene Gradunterschiede zu grundsätzlichen gesteigert; in Wahrheit steht die Spekulation der Alexandriner durchaus unter dem Einfluß jüdischer Frömmigkeit, während etwa die rabbinische Adamslegende aus fremder Spekulation an die Bibel herangebracht ist. Worin vielmehr der Unterschied der Methoden beruht, werden uns einige 128