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Der Morgen · 1933-06-01 · Heft 2 (Juni 1933) · p. 127

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 2 (Juni 1933)
Article
Palästinische und alexandrinische Schriftforschung
Date
1933-06-01
Page
127 (sequence 6)
Language
German
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Palästinische und alexandrinische Schriftforschung Man tut diesen .Auslegungen bitter Unrecht, wenn man sie mit philologischen Maßstaben mißt, also entweder zu erweisen sucht, daß sie der Meinung der biblischen Schriftsteller entsprechen oder, wenn das nicht gelingen will, über „getrübtes exegetisches Bewußtsein" klagt. Eine solche Methode mag der einzelnen Auslegung gegenüber berechtigt sein: oft mag die rabbinische Auslegung der Gebote, durch die Praxis geleitet, den Sinn besser treffen als neuere Philologen; oft mag man sich mit Recht gegen Umdeutungen verwahren; aber der ^irni der rabbinischen Exegese als solcher ist von hier aus nicht zu erkennen. Wer den Wert des Midrasch nur nach seinem philologischen Gehalt beurteilt, wird ihm ebensowenig gerecht, wie der Beurteiler einer geschichtlichen Dichtung, der nur nach der Obereinstimmung des Dichtwerkes mit der Wirklichkeit fragt. Denn auch der Dichter gestaltet ja den Stoff nicht willkürlich; vergleicht man etwa die Tragik eines Schiller und eines Hebbel, so erkennt man sofort, daß beide gleichsam die Grundlinien des gesamten Erdgeschehens in dem einen von ihnen behandelten Erlebnis wiederzufinden und nur dieser Gesamtlinie zuliebe das einzelne umzugestalten suchen — wie der midraschische Ausleger die einzelne Erzählung, das einzelne Gebot aus dem Gesamtzuge biblischer Frömmigkeit auslegt und, wie sich bald zeigen wird, beide demgemäß weiterspinnt. Jenem ist die Geschichte oder Sage, diesem die Bibel nicht, wie dem Philologen oder Historiker, Gegenstand, sondern nur Unterlage seiner Darstellung; und mag diese Unterlage dem Exegeten ehrwürdiger sein als dem Dichter und ihn demgemäß stärker binden, so hat doch dieser wie jener das Recht und die Pflicht eines schöpferischen Verhaltens; nicht was er „vorfindet", sondern was er in Geschichte oder Bibel zu „finden" und wie er das Gefundene auszuprägen und darzustellen weiß, macht den Wert seines Schaffens aus. Die Erklärer des Altertums selbst haben sich freilich weit mehr als Schöpfende denn als Schöpfer empfunden. Auch wenn die Alexandriner vom „Untersinn", die Rabbinen von „Andeutungen" der Schrift sprechen, so glauben sie doch in der Regel, daß die Bibel selbst auch diesen Sinn im Auge hat. Allein im palästinischen Schrifttum findet sich doch nicht ganz selten das Eingeständnis, daß sich für einen Satz oder ein Gesetz, dessen Ableitung aus der Thora man versucht, „kein Beweis, sondern nur ein Hinweis" *) dort findet Noch deutlicher unterscheiden die babylonischen Lehrer zwischen „Forschung" l) Vgl. Bacher, Exegetische Terminologie I5iff. 127

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