Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Palästinische und alexandrinische Schriftforschung
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 126 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Heinemann denen nur das fromme Suchen vordringen kann. Ihr sollt euch einen Schaufaden machen, lehrt die Bibel, auf daß ihr ihn sehet und der göttlichen Gebole denket. „Ihn" — nach dem Wortsinn den Schaufaden; nach dem Midrasch Ihn, der das Gebot gegeben hat. Denn im Gebot wie in der Geschichte, in der Verfügung wie in der Fügung — und nur hier — „sieht" der Jude seinen Gott. Ähnlich bei anderem Anlaß Philon. Als Schlangen die Israeliten plagten, befiehlt Gott, eine Schlange — oder, wie wir des Doppelsinnes wegen übersetzen müssen: einen Drachen — aus Kupfer anzufertigen und erhöht zur Schau zu stellen: „und wer zu ihm aufblickte, der blieb am Leben". Zu ihm: nicht zum kupfernen Drachen, meint Philon, sondern zu Gott. So wirkt nach beiden nicht der Ritus unmittelbar mit spontaner oder magischer Kraft, sondern der religiöse Auf blick, zu dem er verhilft Solcher Glaube an einen verborgenen Tiefsinn des Bibelwortes führt vielfach zu allegorischer Auslegung. Daß manche Bibclslellen allegorisch gemeint sind, weiß natürlich auch die Philologie: zweifellos beklagt Hosea den Abfall Israels im Bilde einer untreuen Frau, Jesaja im Vergleich mit einem Weinberg, der die Hoffnung des emsigen Winzers enttäuscht. Aber die Schrifterforschung sieht oft auch da Symbole, wo der Forschung der buchstäbliche Sinn genügt. Die Alexandriner gehen sogar so weit, der wörtlichen Fassung in absichtlichem Mißverständnis eine unmögliche Bedeutung zuzuschreiben, nur um das Recht der allegorischen zu erweisen. Sic nennen Gott geradezu den Gatten der Patriarchenfrauen — um aus dieser (wie sie selbst wissen) im Wortsinn. unmöglichen Vorslellung die fromme Lehre herauszulesen, daß unsere Seelen die großen und edlen Gedanken nicht aus eigener Kraft erzeugen können, sondern sie der Gnade göttlicher Befruchtung verdanken. Solche Undenkbarkeiten schreibt die rabbinische Exegese dem Wortsinn niemals zu. Auch wo er ihr nicht genügt, enthält er ebensowenig Widersprüche oder Lästerungen, wie die Geschichte vom Weinberg oder von der untreuen Gattin für den, der sich nur an die Erzählung hält Aber freilich ist die Erkenntnis und der Besitz des Geheimsinnes auch nach rabbinischer Voraussetzung „dem Gottesfürchtigen vorbehalten". Die Mahnung des Spruchdichters, das Gebot des Vaters und die Weisung der Mutter zu achten, lehrt uns nach dem Midrasch zugleich die Ehrfurcht vor dem Vater im Himmel und vor der Mutter Israel; und der Ruf des liebenden Weibes „ich bin meines Freundes, und mein Freund ist mein" wird der rabbinischen Exegese, die sich freilich nie in erotische Einzelheiten verliert, zum Ausdruck der ewigen Liebe Israels zu seinem himmlischen Erlöser. 126