Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Palästinische und alexandrinische Schriftforschung
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 124 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Heinemann Über palästinische und alexandrinische Schriftforschung wollte Frankel reden. Aber seltsam: kaum daß er das Thema bezeichnet hat, stockt seine Feder. Ist, so fragt sich der Mann der Wissenschaft, die Exegese eines Philon oder eines Tanchuma „Forschung" in unserem Sinn? Die Frage gilt vor allem der Haggada, also der Auslegung und Weiterspinnung der biblischen Erzählungen (S. 22); aber an anderer Stelle meint Frankel, die gesamte rabbinische Auslegung verdiente nicht Schriftforschung, sondern Schrifterforschung zu heißen (S. 2). Den Sinn dieser Wortbildung hat Frankel nicht erläutert; er findet aber seine Erklärung in der analogen Neubildung, die zwei Menschenalter später H. St. Chamberlain in seinem Goethebuch (1912) vollzog. Bei der Behandlung der Stellung des Dichters zur Natur sagt er (S. 2 43), er habe für dies Kapitel ein neues Wort geprägt: er rede von Naturerforschung und nenne Goethe einen Naturerforscher, um ihn damit zu scheiden von einer Wissenschaft, deren Stolz es ist, „dem Wissen allein gewidmet zu sein ... ohne Beachtung jedes möglichen Rückpralls gegen alles, was Kultur des Gemütes genannt zu werden verdient". Es ist ganz deutlich, daß die beiden grundverschiedenen Männer, die über dies Zusammentreffen gewiß etwas erstaunt gewesen wären, durch die gleiche sprachliche Bildung einer Verwechslung vorbeugen wollten, die hier wie dort nahe lag. Denn gewiß beruht die Naturbetra.chtung des deutschen Dichters wie die Schriflbetrachtung der jüdischen Lehrer auf einem umfassenden Wissen, das hinter dem der Nurgelehrten keineswegs zurücksteht; nur wer die Sammlungen des Goethe-Nationalmuseums kennt, kann den Denker wie den Dichter Goethe verstehen; und jene selbstverständliche Beherrschung des literarischen Stoffgebietes, die die Rabbinen besaßen, wird ein Philologe der Gegenwart nicht leicht erreichen. Und wie an Umfang des Wissens, so geben beide an der Bereitschaft zu mühseliger Versenkung in den Stoff den Männern der reinen Wissenschaft nichts nach. Und doch: wie weit weiß sich Goethe entfernt von einer mathematisch geleiteten Naturbetrachtung, - die die Geheimnisse der Natur entweder nicht sieht oder sie ihr mit Hebeln und mit Schrauben abzwingen zu können vermeint I Wenn wir nach einem Wort des jungen Aristoteles die Natur anschauen sollen, wie wenn wir der Aufführung eines Myslerion beiwohnten, „nicht um zu lernen, sondern um sie auf uns wirken zu lassen", so gilt dies Wort von Goethes Naturbetrachtung und mit noch größerem Rechte von der Schriftbetrachtung des Midrasch, aber auch eines Philon und seines Kreises. Beide stehen zur wissenschaftlichen Philologie, die Philon natürlich gekannt hat, wie Goethe zur mathematischen 124