Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Palästinische und alexandrinische Schriftforschung
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 123 (sequence 2)
- Language
- German
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I. Heinemann: Palästinische and alexandrinische Schriftforsdiung tige, zu deren Rechtfertigung es keiner besonderen Rechenschaft bedurfte. Das war schon erheblich anders gewesen, wenn Lvi Mittelalter neben die jüdischen Autoritäten die griechischen traten. Dann kam es zu einem heißen Ringen — nicht nur zwischen den Lehrsätzen, sondern auch zwischen den Denkweisen der beiden so weit verschiedenen Kulturen: und dies Ringen erneute sich, seit die Werte der europäischen Wissenschaft (und RaJbWissenschaft) auf den Juden des 18. und des 19. Jahrhunderts wirkten. Zu dieser Alternative zwischen Hellenismus und Judentum trat nun seit Frankels hellenistischen Forschungen eine ganz neue, inner jüdische hinzu: neben oder, genauer gesprochen, zwischen diese beiden Kulturen trat eine seither ungekannte Form des Judentums, die, in der Wertschätzung der Bibel mit dem Rabbinismus einig, in der Auffassung ihrer Lehren wie ihrer Gesetze erheblich von ihm abwich. Damit wurde das Recht des talmudischen Denkens nach neuer Richtung hin problematisch; nicht nur gegen den Hellenismus, sondern auch gegen ein hellenisiertes Judentum hatte es sich zu verteidigen. Und diese Verteidigung ist um so weniger eine rein historische Angelegenheit, da inzwischen — Frankels Arbeit erschien i854 — im Judentum, zumal in Deutschland, Wortführer einer entschieden antitalmudischen Richtung aufgetreten waren. Frankel selbst deutet diese Aktualität seiner Fragestellung nur gelegentlich, zumal im abschließenden Ausblick, leise an — und das mit Recht. Denn im Laufe der Geschichte erneuern sich zwar die Kontraste, aber sie wiederholen sich nie, derart, daß man aus der geschichtlichen Lösung die Antwort au£ Fragen der Gegenwart einfach ablesen könnte. Überdies ist schon bei der geschichtlichen Frage eine eindeutige Lösung in dem Sinne, daß man sich nur für die eine oder die andere Haltung entscheiden könne, keineswegs notwendig. Hellas, jüdischer iieilenibmus, Rabbinismus enthalten sämtlich auch solche Werte, die einander nicht widersprechen, die in ihren geschichtlichen Weiterbildungen sogar gelegentlich verstärkend aufeinander haben wirken können. Dennoch hat der Versuch, das Wesen alexandrinischer und rabbinischer Schriftauslegung zu bestimmen, nicht nur antiquarischen Sinn. Unternehmen wir ihn mit den Methoden, die die Philosophie und die Literaturwissenschaft der letzten Generationen stark verfeinert hat, so ergeben sich drei verschiedene Möglichkeiten der Einstellung zur Bibel, deren Nachwirkungen in der Folgezeit bis in die Gegenwart hinein unschwer zu erkennen sind. 123