Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Palästinische und alexandrinische Schriftforschung
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 122 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Palästinische und alexandrinische Sdiriftforsdiung Von I. Heinemann Geschichtliche Kontraste haben oft ihr übergeschichtliches Leben. So durchzieht der Gegensatz zwischen apollinischer und dionysischer Lebensform, zwischen Sokrallk und Sophistik, zwischen Epikureerlum und Stoa die Geislesgeschiclile der Menschheit. Auch innerhalb des Judentums gibt es solche Oberzeitliche Gegensätze. So kann man sehr wohl von klassischen und romantischen Erscheinungen im Judentum sprechen; und ob wir an die Auseinandersetzung zwischen den Männern der Misch na und den Apokalyptikern im Altertum, zwischen den Philosophen und den Mystikern im Mittelalter, zwischen Chassidim und Mitnagdim in der Neuzeit denken, stets wirkt sich im geschichtlich Einmaligen eine überzeitliche Antithese aus; nur als deren Spiegelung kann die geschichtliche Erscheinung voll begriffen werden; nur auf Grund solchen Begreif ens wird geschichtliche Vertiefung fruchtbar für die Gegenwart. Auf ein solches Gegensatzpaar hat Zacharias Frankel vor fast So Jahren, hingewiesen, als er dem ersten Jahresberichte des Jüdisch-theologischen Seminars die Abhandlung „Über palästinische und alexandrinische Schriftforschung" beigab. Gewiß war ihm das Problem aus seinen wissenschaftlichen Studien erwachsen: einerseits aus der Beschäftigung mit dem rabbinischen Schrifttum, die er seit frühester Jugend gepflegt, andererseits aus der Erforschung des griechisch schreibenden Judentums, der er sich als erster jüdischer Gelehrter gewidmet hatte. Aber aus der geschichtlichen Fragestellung ergab sich ihm unmittelbar ein systematisches Problem. Solange der Jude nur den Talmud und die nach den Methoden des Talmud aufgefaßte Bibel kannte, erschien ihm die Denkweise der Rabbincn als die einzig mögliche, daher selbstverständlich rich- 122