Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Der Rabbiner als geistiger Führer
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 109 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Max Wiener: Der Rabbiner als geistiger Führer raturvercin, Volkshochschule, hehräische Sprachkurse dürfen immer nur wie Hilfsmittel so Ausdruck der jüdischen Grandgestimmtheit sein, dem Geist nnd Gemüt verdeutlichen und bewußt machen, worum sie eigentlich ringen, nicht der Inhalt dieses Lebens selber, geschweige gar Ersatz für die Religion. Es ist ein besonderes Amt gerade des Rabbiners, auf eine Gefahr zu achten und ihr nach Kräften zu steuern, die aus der Überbewertung des historischen Wissens für das unmittelbare blutvolle Dasein erwächst. Denn es gibt gerade heute unter den gebildeten Juden, welche irgendwie — genau pflegen sie es selbst nicht zu wissen — Juden sein wollen, eine merkwürdige Art von Historismus. Man interessiert sich für jüdische Gebete und liturgische Ordnungen, ohne selber beten zu können, für das überlieferte Brauchtum, ohne den bescheidensten Gebrauch davon zu machen. Hand in Hand geht ein vorher nicht gekanntes Äslhctenlum: man sammelt Habdala-Büchsen und Sabbatlampen, ohne für die diesen künstlerischen Gegenständen zugrundeliegende Sache, den Sabbat, irgend welchen Sinn zu haben. Das Museum ist gut, wenn ihm ein abgegrenzter Raum im Leben zur Verfügung gestellt wird. Wenn dieses Leben selber aber Museum wird, dann ist es tot, wie interessant es sich auch eine kleine Weile noch vorkommen mag. In diesem Augenblick steht die deutsche Judenheit an einem sichtbaren Wendepunkte ihres Geschickes überhaupt Noch wissen wir nicht, wie stark die materiellen Grundlagen sein werden, die nach diesem Zusammenbruch sich als tragfähig für geistiges Gemeinschaftsleben erweisen könnten. Der mächtige für unsre Verhältnisse wohl auch schon unter normalen Bedingungen" übersteigerte Apparat hat bestenfalls Aussicht, auf sehr bescheidenen Umfang zurückgeführt, weiter zu bestehen. Für die Erhallung unsres geistigen Gutes würde eine solche Katastrophe völlige Vernichtung bedeuten, wenn dieses Geistige nur als theoretisch interessanter Gehalt, als Wissen um des Wissens willen erforscht und verkündet würde. Denn dann würde es in der Tat gellen: primum vivere, deinde philosophari; und da die Lebensmöglichkeit so grausam verkürzt erscheint, blieben für das andere kaum noch Kräfte übrig, die für die zum Luxus gewordene geistige Tätigkeit aufgewendet werden möchten. So lehrt uns die Lebensgefahr unsrer Gemeinschaft, daß das Geistige eben nicht ein vom elementaren Leben abtrennbarer Bestand jüdischer Existenz ist, sondern Ausdruck und Form dieses elementaren Lebens selber. Wenn wir Juden in diesen Tagen bitterster äußerer und innerer Nöte unser Selbst nur erfassen als Zugehörigkeit zu einem Kreis der Verfemten und Getretenen, dann gibt es 109