Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Der Rabbiner als geistiger Führer
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 108 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Stellung des Geistlichen In der Gemeinde ganzen Treibens überwucherte, bald den Typus des parlamentarischen Fechters, der mehr zufällig, weil an Betätigung auf größerer Buhne verhindert, auf diesen Boden geraten war. Insofern nun die studierten Berufe in erheblichem Maße die Menschen stellen, von denen hier die Rede, ist es die Aufgabe des Rabbiners, der mit ihnen in der Zeit ihrer seelenoffencn Jugend zu arbeiten hat, ihren Sinn nicht bloß für das Groteske eines solchen Schauspiels zu schärfen, sondern vor allem die positiven Gegenkräfte freizulegen, die jenes Abirren vom Kern hemmen können. Wir glauben zu beobachten, daß auch abgesehen von dem grundstürzenden Wandel dieser Tage unsre jungen Leute weder als Publikum noch als Akteure das Schauspiel einer so nahen Vergangenheit fortsetzen wollen, an dem so viele ihr Interesse an Judentum und Religion erschöpften, daß auch hier die Freude am Parlamentarismus geschwunden ist. Um so wichtiger aber wird die pädagogische Frage, wie das Streben nach sachlicher Erfüllung mit dem jüdischen Geistesgut zu wecken und zu befriedigen ist. Nur ein geringerer Teil von der Gesamtzahl der Studierenden ist in jüdischen Tendenz-Verbindungen organisiert. Ihre leichtere Erfaßbarkeit wie die von vornherein vorhandene Willensrichtung machen diese Gruppen zu festen Zellen für die Arbeit des Rabbiners an der akademischen Jugend. Das gilt auch von denjenigen Vereinen, die nicht eigentlich durch eine weltanschauliche Richtung zusammengehalten werden, sondern auf jüdisch personaler Verbindung beruhen. Gerade die letzteren sind ein soziologisch interessantes Beispiel für die oben berührte Doppelseitigkeit, daß jüdische Gruppen als solche sich auch Besonderes zu sagen und zu geben haben, wenn sie sich nicht grundsätzlich mit dem geistigen Gehalt des Judentums beschäftigen, ja diesem sogar einen vergleichsweise nur schmalen oder gar keinen Raum in ihrem Programm zuweisen. Die Hauptsache — und damit münden diese Erwägungen wieder in unsre Reflexion über die allgemeine Erziehungsarbeit — bleibt freilich, daß das zu vermittelnde geistige Gut für Gefühl und Willen zum jüdischen Leben fruchtbar gemacht wird. Was hilft gelehrtes Wissen um die Vergangenheit, wenn meine Gegenwart und erhoffte Zukunft sich nicht als die lebendige Fortsetzung von jener empfindet? Was nutzt ein psychologisch noch so tief dringendes Begreifen der Vorzüge und Schwächen jüdischen Menschentums, wenn in diesem Begreifen nicht zugleich liebendes Einfühlen und warmherziges Verstehen mitschwingen, welche die Frucht unmittelbarer Solidaritätsgesinnung sind? Lite- 108