Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1933-06-01 · Heft 2 (Juni 1933) · p. 107

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 2 (Juni 1933)
Article
Der Rabbiner als geistiger Führer
Date
1933-06-01
Page
107 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895515-2895518-2902995--06373-2903035
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Max Wiener: Der Rabbiner als geistiger Führer Unendliche gewachsenen Schwierigkeit der materiellen Fürsorge und Pflege. Beschränken wir uns auf die im engeren Sinne geistige Arheit, so tritt heraus, daß die Studentengemeinde eine weit größere Differenziertheit besitzt als die allgemeine. Die mit jugendfrischer Lebendigkeit und theoretischer Schärfe erfaßten Unterschiede zwischen den mannigfachen möglichen „Standpunkten" scheinen einer „Einheitsgemeinde" erhebliche Hemmnisse zu bereiten. Freilich wirkt mildernd wieder die Tatsache, daß junge Leute im allgemeinen eher bereit sind, auch von vorneherein als gegnerisch empfundene Ansichten anzuhören und zu ihnen von neuem Stellung zu nehmen, als Menschen, deren Überzeugung, Glaubens- und Unglaubcnsansichten schon durch das Alter fest geschmiedet sind. Wenigstens ergeben Diskussionen, die zwischen Studierenden verschiedener jüdischer Richtungen veranstaltet worden sind, daß jene Haltung, die den Geistigen überhaupt erst schafft, auch dem Verständnis und der Förderung aller jüdischen Probleme zugute kommt. Die hier zu leistende Erziehungsarbeit muß besonders einem Punkt ihr Augenmerk zuwenden. Unsre jüdischen Gemeinden machten nach dem, was sich allzu oft in den Gemeindestuben abspielte, den Eindruck, als ob es sich bei ihnen um staatliche oder kommunale Verbände handelte, in denen Parteien nach allen Regeln des parlamentarischen Kampfes um die Herrschaft rangen. Das mag erklärlich erscheinen, wenn man bedenkt, daß z. B. in Preußen die Form der jüdischen Gemeindeverfassung der noch gültigen Städleordnung nachgebildet ist. Man braucht nicht in Abrede zu stellen, daß da viele nützliche Arbeit geleistet worden ist, wenn man bedenkt, daß sich zumal in den Großgemeinden um den unmittelbar religiösen und kultischen Aufgabenkern eine Fülle von anderen Gebieten sozialer, erzieherischer jüdisch-kultureller Art herumgruppiert hat, die als Ausdruck des Gemeindelcbens zu gelten haben und naturgemäß eine Menge technisch administrativer und finanzpolitischer Wirksamkeit verlangen. Trafen sich auf dem gemeindepolilischen Boden dann die gegnerischen Parteien von Zionisten und religiös Liberalen, dann konnte es bei dem jüdischen Temperament und der freundschaftlichen wie feindlichen Intimität der durch zahllose persönliche Beziehungen ebenso verbundenen wie getrennten Führer nicht ausbleiben, daß ein tragikomisches Zerrbild von Parlamentarismus entstand, das um so befremdlicher wirken mußte, wenn man überlegt, daß all diesem Betrieb doch eigentlich eine geistig religiöse Idee zugrunde liegen sollte. An ihrer Stelle aber sah man oft den Kampf von Menschen, in denen bald die Routine des bloßen Verwalters das legitime Urmotiv dieses 107

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.