Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1933)
- Article
- Das Ewige und das Zeitliche im Wirken des Rabbiners
- Date
- 1933-06-01
- Page
- 103 (sequence 5)
- Language
- German
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Joseph Carlebach: Das Ewige und das Zeitliche im Wirken des Rabbiner Ständiiis, ihr Abklingen in die Weite und Breite religiöser Lebensbetrachtung. Das Rabbinerhaus war von jeher die Hochburg seiner Macht, die Krönung seiner rabbinischen Wirksamkeit. Solange in Israel noch ein Funke der Ehrfurcht vor der ewigen, menschenerziehenden und menschenformenden Kraft des jüdischen Ideals glüht, solange der Träger der rabbinischen Würde durch schlichte Menschlichkeit und wahre Geistigkeit noch seiner Gemeinde voranleuchtet, ist der Einfluß seiner Stellung groß. Es ist die gewaltige Macht des Messianischen, die ihn trägt; es ist die Gewißheit der jüdischen Glaubenshaltung, hinter der vier Jahrtausende der Geschichte als Zeugen stehen, die ihm Überlegenheit sichert. Es ist die stille Wirkimg des guten Wortes, das seinen Ort findet, die geheime Anerkennung und Liebe für das Sittliche, das alle Menschenherzen erfüllt, wodurch er ohne Polizeigewalt, nicht plötzlich und im Sturm, aber im stetigeren, langsameren, allmählicheren Fortschritt seine Forderung durchsetzt. An diesem Charakter semer rabbinischen Würde ändert auch die heutige besoldete Stellung seines Amtes nichts, die bei der Fülle seiner Aufgaben keine Zeit zu eigner wirtschaftlichen Tätigkeit übrig läßt und daher als Selbstverständlichkeit hingenommen, auch nicht im Widerspruch mit der Überlieferung empfunden wird. Ihre Rechtfertigung hat diese Stellung durch die tausendfache Erfahrung gefunden, daß, wo der Rabbiner fehlt, allmählich alles reli-. giöse Leben dem Siechtum und der Erstarrung verfällt, ja auch das ethische Niveau des jüdischen Menschen oft empfindlichen Schaden litt. Das dadurch den Einzelnen auferlegte materielle Opfer wurde stets gern getragen aus dem dankbaren Gefühl der Besten heraus, daß durch die Wirksamkeit des Rabbiners jeder täglich wissender um seine jüdische Lebensbestimmung, besser in Tat und Gesinnung geworden ist 103