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Der Morgen · 1933-06-01 · Heft 2 (Juni 1933) · p. 102

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 2 (Juni 1933)
Article
Das Ewige und das Zeitliche im Wirken des Rabbiners
Date
1933-06-01
Page
102 (sequence 4)
Language
German
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Die Stellung des Geistlichen in der Gemeinde Wort; kein geistiges Wissen bleibt obne Einfluß. Daher ist der Rabbiner ganz eigentlich Lehrer, der die Verbreitung jüdischen Wissens zur Lebensaufgabe hat, der immer wieder und immer tiefer bei alt und jung die Kenntnis des jüdischen Geisteslebens einzupflanzen hat. Dazu muß er die Gegenwart mit ihren Strömungen und geistigen Bewegungen kennen, um daran anzuknüpfen, um das ewige Wort in die von allen verstandene Sprache des Jetzt zu übersetzen. Das Golteswort muß stets heutig, gegenwartsnahe aus seinem Munde klingen, den Menschen dort treffen, wo er grade steht Vom Jetzt stößt der Rabbiner in die Ewigkeit vor, gibt auf menschliche Frage die göttliche Antwort Aber mag er gleich Form und Gewand der. Gegenwart entlehnen, die wandelnde Begriffsbildung und Ausdrucksform der Zeitlichkeit benützen, immer bewegt er sich im heiligen Bezirk der prophetischen und rabbinischen Aussprüche und Gedanken und führt langsam die Seinen dahin, daß auch das ehrwürdige Gut der heiligen Sprache ihnen in Fleisch und Blut übergeht. Und gerade darin bewährt sich seine höchste Kraft, daß er die schlichte alte Form des „Lernens", die regelmäßige, zur Tagesnolwendigkeit werdende Lehrstunde wieder in Israel heimisch macht wo der Hörer den Alltagsmenschen auszieht und die Gcislesgemeinschaft mit den großen Heroen der Vergangenheit verspürt So unbedingt es heute erforderlich ist, daß der Rabbiner das Katheder des Vortrags neben die Kanzel stellt, in Kursen über jüdische Geschichte und Wissenschaft den Stolz auf unsre historische Eigenart in das Herz der Entfremdeten einsenkt, so unverrückt muß ihm das „Beth-IIamidrasch", das alte Lehrhaus mit seinem Frieden und seiner intimen Weltentrücktheit als die eigentliche Pflanzstätte der Selbstgenügsamkeit und Glaubensinnigkeit, aber auch der Geisteshelle und Gedankenschärfc, als der wahre Tempel jüdischen Menschentums vor Augen stehen. Indem er so die Abgeklärtheit der biblischen und talmudischen Welt in die Gemeinde trägt, indem er selbst in sich die Verkörperung des Ewigen darstellt, bringt er in die Unrast der Stunde den Frieden des Cberzeillichen. Er wird selbst den Seinen das Bild des Friedens. Man kann nicht an ihn denken, ohne die besänftigende Stimmung des In-Golt-ruhens zu verspüren. In seiner Person finden die streitenden Brüder und Parteien ihren Ausgleich, die Bereitwilligkeit des gegenseitigen Verzichts und Wohlwollens, daher er bis heute der gegebene Friedensrichter und Vermittler für die Glieder seiner Gemeinde in allen ihren Tätigkeiten ist In seinem Hause, wo die jüdischen Werte und Lebensgenien sichtbarlich walten, findet alle Not und jede Träne ihr Ver- 102

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