Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Fechters Literaturgeschichte [Rezension]
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 67 (sequence 5)
- Language
- German
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Feciters Literatargeschichte größte Mensch des 18. Jahrhunderts"; er, der eine neue, - undogmatische Frommheit dargelebt und in höchsten Dichtungen gestaltet hat, ist ihm „trotz Friedrich dem Großen der erste große unreligiöse Mensch der Zeit nach Luther". Es bedürfte eines eigenen Aufsatzes, um diese scharfsinnige Ablehnung, die tiefsinnige Verkennung Goethes zu widerlegen. Vom Baugedanken des Werkes aus erscheint es seltsam, daß — um nur einige zu nennen — Agnes Miegel und Ina Seidel ganz flüchtig behandelt sind: sie haben gewiß „Dichtung aus dem Ganzen" gegeben, und es ist sinnbildhaft, daß beide Gedichte schufen, in denen sich Länder und Landxveiten ausbreiten. Erstaunlicherweise nennt Fechter nicht den Namen Chamisso; es liegt nahe, zu vermuten, daß die französische Abstammung der Grund ist, doch entspräche dies nicht der Höhenlage dieses Buches. Er kennt ja auch nicht den Schwaben Johann Georg Fischer, der aus dem schwäbischen Volkstum heraus Ursprünglichstes geschaffen hat, er erwähnt nicht Kopisch, dem wahrhaft volkstümliche heitere Gedichte gelungen sind, der die Sage von den Heinzelmännchen erst wahrhaft im Volke verbreitet hat. Vollends Chamisso verdanken wir das erste soziale Gedicht, das herb umwitterte „Lied von. der alten Waschfrau", und er hat im „Schlehmihl" eine Sagengestalt geschaffen, die typische Kraft gewonnen und sich von ihm losgelöst hat Fechter nennt auch nicht den „Arbeitsmann" Richard Dehmels, der wirklich ein Volkslied geworden ist, und zwar ohne Hilfe der Musik, ein Lied des Proletariats. Jedoch gerade über Dehmel sagt Fechter Ausgezeichnetes: er erkennt, daß Dehmel im Kern ein unlyrischer Mensch war, wie er erfühlt, daß Hauptmanns Wesen eile Spannungen mangeln, die den dramatischen Menschen machen. Besonders Wesentliches findet sich unter anderem in den Kapiteln über das i3. Jahrhundert, über Kleist und Gotthelf. Aber eben der Grundgedanke des Buches, die Ausrichtung auf das Volkhafte, bewirkt, daß wichtige Di.'Uer verkannt werden; zum Beispiel Christian Morgenstern, der nur als Dichter der „Galgenlieder", zwischen Busch und Ringelnatt betrachtet wird. Morgenstern ist einer der wichtigsten Deutschen der Zeit vor dem Kriege, wenn er auch nicht national eingestellt war. Das bezeugt gerade sein tiefbesinnliches, tiefsinniges Tagebuch- Werk „Stufen". Nicht alles ist isoliert, was einsam ist. * Für Fechter sind die meisten jüdischen Dichter Bildungsdichter, die er auch anleimen v.ürde, wenn sie nicht Juden wären. Seine Haltung gegenüber den Juden ist keineswegs einheitlich. Er spricht einmal von den in deutscher Sprache schreibenden jüdischen Dichtern; aber er rühmt mit höchstem Lobe die „Lorc-!ey". An sich will er die literarische Einwirkung des Judentums nur negativ, als eine „induzierende" gelten lassen: „Den Deutschen hat dies In- und Gegeneinander der beiden verschiedenen Volkstumskräfte auf dem nicht eben leichten Weg vom Bildungsbürgertum zum Volkstum vielfach ausgezeichnete Dienste geleistet. Auch der Internationalismus der Nachkriegszeit und der Versuch, das nur Literarische der Dichtung gleichzusetzen, haben durch Stärkung der Gegenkräfte durchaus sinnvoll gewirkt." Er gibt aber zu, daß „die Loreley nur möglich ist 67 5*