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Der Morgen · 1933-04-01 · Heft 1 (April 1933) · p. 68

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 1 (April 1933)
Article
Fechters Literaturgeschichte [Rezension]
Date
1933-04-01
Page
68 (sequence 6)
Language
German
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Erast Lissauer: Fechters Literaturgeschichte aus jenem Instinktiven Wissen, das man aus bloßer Einstellung heraus nie bekommen kann"____hier ist etwas vorgegangen, das die reinliche Abweisung und Verwerfung gerade unmöglich macht, wenn man den Sinn der Gesamtentwicklung in einer Dichtung aus dem lebendigen Gefühl des Volksganzen sieht.'* Aber gerade, indem Fechter dies ausspricht, erkennt er an, dsß die Grenzen des Volkstums nicht unübersteigbar sind. Offenbar wirken noch andere Mächte als die des Volkstums ein; sonst wäre es nicht möglich, daß ein Jude ein Volkslied schreibt. Seine Äußerung über die „Loreley" ist, ohne daß er es bemerkt, grundsätzlich. Sehr merkwürdig ist folgendes: während er sonst über Schriftsteller — im Gegensatz zu Dichtern — nicht schreibt, beschäftigt er sich ausführlich mit Börne, zu dem ihn die gemeinsame Antipathie gegen Goethe hinzieht. Er rühmt, daß Börne ,.sich zornig gegen den Vater der bürgerlichen Verdünnung im Bildungsbelrieb" wendet, wie er Goethe hier bezeichnet; umgekehrt kenne ich Juden, und ich zähle selbst zu ihnen, die Börne seine frechen Reden über Goethe, insbesondere den „Erlkönig", nicht verzeihen: so seltsam sind hier die Rapiere vertauscht. Sonst aber bleibt Fechter in seiner Anschauung vom Volkstum befangen. Er verkennt das Wienerische, das neben dem Jüdischen Schniizlers Werk bezeichnet; von seiner reifsten Novelle, „Das Schicksal des Freiherrn von Leiscnbohg", den Novellen des von Fechter hochgeschätzten Grafen Eduard Keyserling durchaus ebenbürtig, ist nicht die Rede. Er nennt den sonst unbekannten Julius Levin, „der in seinem feinen Roman „Zweie und der liebe Gott" mit sicherem Instinkt auf sein jüdisches Volkstum zurückgriff'; aber Arnold Zweig, von dessen Werk zum Teil das Gleiche gilt, wird nicht erwähnt. Hingegen erscheint Adolf Döblin, trotz aller Einwände, vornehmlich um „Berlin Alexandorplatz" willen, als der wesentlichste Fall auf der Literaiurseite — „der, an dem die Wendung zu einer Dichtung aus dem Volksganzen und für das Volksganze sicher einmal am interessantesten dargestellt wird, eben weil er von ganz entgegengesetzten Voraussetzungen ausgegangen und doch ebenfalls zum Ergebnis dieser Notwendigkeit gekommen ist." Allerdings wendet Fechter ein, daß der Mann auf der Straße diesen übcrintellektuali'sier ten, überpsychoanalysierten Roman vom Mann auf der Straße niemals auffassen kann. Er nennt in diesem Zusammenhang Zuckmeyer, der „mit seinem „Fröhlichen Weinberg" resolut in die Volkswirklichkeit seiner rheinischen Heimat griff" und, wie man hinzusetzen muß, ein belangloses, heute schon vergessenes Stückchen hervorbrachte. Zu fragen bleibt, ob der Mann auf dem Acker, im Bergwerk, auf der Straße George, Paul Ernst, Hans Grimm erfaßt: Dehmels „Arbeitsmann" aber hatte er aufgenommen. * Es ließe sich über dies Buch, in Zustimmung und Ablehnung, noch eine Fülle aussagen. Ist der Leser danach, so gibt es Funken. Charaktere werden sich fruchtbar mit dem geprägten Charakter auseinandersetzen, der sich auf jeder Seile bekundet. Dies ist die Aufgabe, die es setzt; nicht verstattet aber ist, es mit flachem Hohn zu schmähen, weil es uns als Juden unbequem und schmerzlich ist. 68

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