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Der Morgen · 1933-04-01 · Heft 1 (April 1933) · p. 66

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 1 (April 1933)
Article
Fechters Literaturgeschichte [Rezension]
Date
1933-04-01
Page
66 (sequence 4)
Language
German
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Ernst Lissatier Konen gelesen ward; und es gab kein würdigeres Gedicht. Hier konnte man gleichsam mit geschichtlicher Zeitlupe sehen, wie sich ein höchstes Gebild in die breiteren Schichten senkte. Der Hexameter erscheint Fechter als ein Element der Bildung. Auch dies scheint mir irrtümlich. Der Hexameter — und ebenso Pentameter und Distichon — fügt sich der deutschen Sprache mit völliger Selbstverständlichkeit Element der Bildung sind die antiken Vorstellungen oder Namen, die oft in antiken Maßen vorkommen, aber nicht dies Maß an sich. Anders steht es mit den mannigfaltigen Formen der Ode, die niemals ohne einen allerletzten Rest >on Künstlichkeit gebraucht wird. Wenn Fechter den Hexameter von „Hermann und Dorothea" als Bildungselement empfindet, so ist es unbegreiflich, daß er völlige Harmonie fühlt, wenn Hölderlin sich Horazischer Formen bedient. Immer wirkt die Ode spürbar geformt; die Hexameter und Distichen Goethes, Schillers, Mörikcs, Hebbels wirken erOossen, ja manchmal sogar als eine höchst „mundgerechte" Diklion, die sie bequem, manchmal sogar allzu bequem, handhabten. Der Durchbruch zum Volk, den Fechter vor allem in der Kriegslyrik von ioiß und in Hans Grimms „Volk ohne Raum" erkennt, — auch bei George und Paul Ernst, die dem innersten Wesen nach typische Bildungs-Dichter sind, — ist also nicht durch eine Entwicklung vorbereitet, vielmehr schlägt eine zu Tode gelaufene Entwicklung ins Gegenteil um. Seine gesamtheitliche Gesinnung ist ausschließlich national bestimmt. Goethes über-, anti-, a-nationale Haltung bewirkt, daß Fechters Einstellung zu Goethe völlig verkehrt ist Eine Fülle analytischer, auf hoher Ebene vorgetragener Bemerkungen — wie überhaupt das ganze Buch, unbeschadet aller Einwände, durchweg eine bedeutende Höhenlage einhält —; aber er schaut Goethe nicht Es erscheint fast zwangsläufig: Die individualistische Epoche gipfelt in Goethe; als ein ungeheurer End-Block, gaurisenkarhaft, ragt sein Leben über das 19. Jahrhundert hin fort, und die Menschen der gesamtheillichen Epoche werden ihn, mehr noch als Fechter, und immer mehr, als einen Isolierten sehen. Manchmal ahnt Fechter etwas vom eigentlichen Sinn des Goethes eben. Seins: wenn er vom Cberpersönlichen, seiner Existenz spricht Jedoch — um nur eins zu nennen — er sagt, daß Goethe nicht dazu kam, die ungeheure Fülle der Einzelkräfte „zu einer einheitlichen Seele zusammen zu fassen"; er bekennt, daß es „fast schwer fällt, das Gesamtergebnis dieser drei Lebenssladien zu einer menschlich-persönlichen Einheit zusammen zu sehen." Dies jedoch ist es, was Goethe vollbracht hat, und er hat weiter ein ungeheures Objektives aus sich geschaffen, sich zu einem ungeheuren Objektiven emporgeleistet, Schicht auf Schicht die Gcbirgs-Pyramide seines Seins einporgelebt. Eine wesentliche Schicht dieses Seins, die tragende, ist die volkhafte. Goethe ist nicht isoliert, sondern einer der verbundensten Menschen, die je gelebt haben: nach rückwärts, in seine Zeit, nach allen Nationen, in unendliche Zukunft. Mit deutscher Gründlichkeit, mit fast preußischer Ordnung, hat er die Fülle der Gaben verwaltet: er war ein „Archaist" durch und durch; eben kraft dieser sehr deutschen Eigenschaften bindet und bewahrt ex sich und überwölbt zuletzt welibaumhaft das Erdrund. Für Fechter aber ist Goethe nur „der 66

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