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Der Morgen · 1933-04-01 · Heft 1 (April 1933) · p. 65

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 1 (April 1933)
Article
Fechters Literaturgeschichte [Rezension]
Date
1933-04-01
Page
65 (sequence 3)
Language
German
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Fechter* literalargascJachie Zweifeln gegenüber. Er macht insbesondere den bürgerlichen Dichtern des 19. Jahrhunderts den Yorwurf, daß sie nicht über die Schicht der Bildung in die Tiefe des Volkes hinabwurzeln. Er setzt dabei immer ein empfängliches Volk voraus und verkennt den entscheidenden soziologischen Vorgang. Während der letzten 4oo Jahre zersetzt sich das Volk als Ganzes: der Gegensatz der Schichten wird stärker spürbar, die Einzelnen heben sich immer stärker ab, <hV Gesamtheit individualisiert und atomisiert sich in jedem Betracht. Es ist durchaus irrig, daß da* vorige Jahrhundert geheim auf volkhafte Dichtung hinzielt, und daß dann 191/i der Durchbruch geschieht: im Gegenteil, die Gemeinsamkeit lest sich immer mehr. Durchaus mangelt jene einhellige seelische Volksluft, in der die Schöpfungen der Künste einhellig wachsen, in der die schöpferischen Menschen von den empfingenden nicht geschieden sind. Es gab nicht Volks-Licder; das ist ein Begriff aus individualistischer Zeit: es gab Lieder von Liebenden, von Müttern, von Zechern, einhellig bei aller Verschiedenheil; und so fühlte sich auch der Erzgießer oder Holzschnitzer nicht als Künstler, sondern als zünftiger Handwerker. Je mehr sich das Volksganze zersetzt, desto mehr verteilt sich das dichterische Gemeingut auf den Einzelnen, und es schwindet die empfangende Kraft. Fechter sieht nicht, daß die empfangende Kraft mehr oder minder versiegt: es entstehen keine Volkslieder aus dem Volke, und es werden, abgesehen von immer selteneren Ausnahmen, kaum Lieder von einzelnen Dichtern aufgenommen. Nicht die Dichter trennen sich vom Volk, sondern das Volk trennt sich von der Dichtung und den Dichtem. Innerhalb dieser wachsenden Auflösung bilden sich, bewahren sich Festländer: die katholische Kirche, der preußische Staat, und auch das Bürgertum. Diese Bürger sind durchaus nicht Isolierte. Sehr klug hebt Fechter hervor, daß 1796 das geistige Eigentum geschützt zu werden begann, daß jene Entwicklung einsetzte, welche dann den Typus des „freien Schriftstellers", des isolierten LiteratLu-beflissenen heraufführte. Aber die bürgerlichen Dichter des vorigen Jahrhunderts waren gar keine freien Schriftsteller, sondern Beamte, Richter, Arzte, Pfarrer. Und gerade Claudius, den Fechter mit Recht „ein dichtendes S'ückchen Volk" nennt, lebte ohne Beruf, er war ein „freier Schriftsteller"; und ebenso, wenn man genau zusieht, Schiller, der als Professor der Geschichte nur einige Jahre hindurch lehrte. Und vor allem: wenn diese Dichter auch vom Volk als Schicht nicht aufgenommen wurden, so schufen sie dennoch, mindestens bisweilen, aus der Urtiefe der Volkheit heraus. Kollers „Alte Weisen" sind zwar nicht Volkslieder geworden, aber in ihnen tönt das Volk clementarisch: Fechter erwähnt sie nicht, und damit fehlt ein entscheidender Zug des Kellerschen Wesens. Dies ist nur ein Beispiel für viele. Der unendlich mannigfaltige, schwer erfaßbare, oft ungemein langsame Vorgang, in dem Dichtung ins Volk dringt, Volks-Gut wird, wird von Fechter vereinfacht. Selbstverständlich ist ihm Conrad Ferdinand Meyer ein Dichter aus der Bildung, aber wer mit seinen Gedichten seit dreißig Jahren zusammen lebt, wurde erschüttert, als Meyers gewaltiger „Chor der Toten" gerade von der Berliner Iliustrirten Zeitung zum Volkstrauertag dieses Jahres abgedruckt und von Mil- 65

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