Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Fechters Literaturgeschichte [Rezension]
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 64 (sequence 2)
- Language
- German
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Ernst LIssauer ebenfalls dies Buch mit?" Diese Frage ist typisch, denn sie zeigt, daß Fechter oft — nicht immer — das Volk im seelisch ungreifbaren, nur ahnbaren Sinne, die Volk nei t, mit den erfahrungsgemäß greif-, ja fast benennbaren Menschen des Volks verwechselt. Es ist dagegen zu fragen, wie viele Männer aus dem Volk den „Teil" mitgenommen haben, den er als ein Volks-Werk in seinem Sinne gelten läßt. Und ebenso ist ihm Eichendorff ein volkhafter Dichter; aber welche seiner Gedichte außer „In einem kühlen Grunde" und „Wer hat dich du schöner Wald" sind Volkslieder geworden? Fechter will die Isoliertheit Goethes beweisen und S3gt, daß nur wenige seiner Gedichte ins Volk gedrungen sind, „und vieles dankt seine Popularität mehr einem Komponisten als dem Dichter". Jedoch ist nicht zu erkennen, womit Fechter dies beweisen will. „Wer hat dich, du schöner Wald" ist durch die chorische Vertonung des Juden Mendelssohn zum Besitz des Männergesangs geworden; der Männergesang war die Form, in der sich während des 19. Jahrhunderts zwischen Volk und Lyrik überhaupt noch eine gewisse Verbindung erhielt. In den ersten Jahrzehnten drangen einige Lieder ins Volk; aber auch von Mörike, dessen Lyrik er ..romantisch volkhaft und klassisch geformt im schönsten Sinne nennt", ist nichts zum Volkslied geworden; ja, Mörike ist selbst unter den Gebildeten bis zum Anfang dieses Jahrhunderts wenig bekannt gewesen, sogar in seiner Heimat Schwaben. Fechter sagt, daß zahlreiche Wendungen Schillers Sprachgut geworden sind; aber er erwähnt nicht, daß das Gleiche, wenn auch nicht ganz im selben Ausmaß, von Goethe gilt Das Volk ist also einmal eine Anzahl gleichzeitig lebender Menschen, die bewußt Werke aufnehmen, ein andermal die weite geistige Volkserde, in die während einer Reihe von Geschlechtern dichterisches Gut, Vorstellungs- und Sprach- Gut, eingeht; es ist zum dritten das urgeschaffene, unwandelbar über die Jahrhunderte fortwährende Wesen des Volke«: die Volkheit —, der Ausdruck, den Goethe prägte und Lagarde übernahm. Indem nun Fechter diese verschiedenen Begriffe des Volkes anwendet, als ob es sich um einen und denselben handele, tut er vielen Dichtern unrecht. Fechter verwahrt sich dagegen, daß es ihm um anspruchslose Dichtung für Anspruchslose gehe; sehr oft aber kommt es darauf hinaus; zum Beispiel, wenn er die „Läuschen un Rimels" Fritz Reuters als volkhaft dem „Quickbern" Klaus Grolhs entgegenstellt. Die netten Reuterschen Schnurren sind gereimte Prosa und können mit den genialen Liedern Groths überhaupt nicht verglichen werden. Wenn irgendwo, so ist hier, in einem engeren Umkreis, der Urfnll volkhsfter Dichtung im Sinne Fechters gegeben. Mitten im individualistischen 19. Jahrhundert schafft hier ein Dichter gleichsam als Beauftragter seines Stammes. Es ist zu fragen, warum Fechter Groth mit wenigen Zeilen erledigt: er ist „zuletzt ebensosehr aus Bildungsinstinkt zum Plattdeutschen gekommen, wie aus unmittelbarer Volksverbundenheit"; will sagen: es stört ihn, daß Groth später an der Kieler Universität über deutsche Literatur und Sprache las. Fechter, selbst ein höchst gebildeter Schriftsteller, Kunstgekhrter von Rang, der vielfach in diesem Buche nebenher vortreffliche Bemerkungen über bildende Kunst ausstreut, steht dem gebildeten und dem bürgerlichen Dichter mit tiefsten 64