Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Fechters Literaturgeschichte [Rezension]
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 63 (sequence 1)
- Language
- German
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Fediters Lite^argesdiichte1) Von Ernst Lissauer Paul Fechter, einer der Feuiilctonleiter der Deutschen Allgemeinen Zeitung, hat für die Berliner Deutsche Buchgemeinschaft eine umfängliche Geschichte der deutschen Dichtung geschrieben. Ein Buch, das auf jeder Seite entschieden zu Einverständnis oder Abwehr zwingt, das niemand, der an diesen Fragen innerlich Teil nimmt, gelassen aufnehmen kann, sondern mit dem er sich manchmal Satz für Satz streitet, das in einem fort neue Entscheidungen bringt und zu eigenen Entscheidungen auffordert, ein solches Werk ist schon damit als eine erhebliche Leistung gekennzeichnet. Und dieses Urteil bleibt bestehen, auch wenn letztlich Bedenken und Einwände überwiegen. Für Fechter ist das Volk Maß und Richte seiner Darstellung. Eigentliche Dichtung gibt es für ihn nur aus dem Volksganzen und für das Volkstänze. Ununterbrochen nimmt er Haltung gegen die Bildung und die Poesie aus der Bildung: „Dichtung für alle und aus dem Leben aller vermag nur der zu geben, der Schwere genog hat, daß er sich in die Tiefen sinken lassen kann, in denen er auf das wirklich Gemeinsame stößt — und Steigkraft genug, dort nicht zu bleiben, sondern von hier aus aufzusteigen in die Bereiche des Geistigen, das in gleicher "Weise gemeinsam verpflichtend ist." Ein Gesamtheitliches: es wendet sich gegen die Isoliertheit des Dichters, — charakteristischerweise ein Ausdruck, den auch die sozialistische Literatur, die gemäßigte wie die radikale, beständig gebraucht. — Das Individuum ist für ihn ebensowenig ein letzter Wert wie das übervolkhaft Menschliche. Vor dieser folgerecht durchgehaltenen Gesinnung verändern sich alle Werte. Ein großer Teil des Schrifttums wird als Dichtung, als Bildung, und nur für Gebildete erreichbar, mehr oder minder abgelehnt. Wohl ist Fechter zu gescheit und zu geschmackvoll, um seine Umwertungen polemisch zu unterstreichen, aber er ist zu ehrlich, um seine Abneigungen verbergen zu können. Der wesentliche Mangel des Buches ist nun aber nicht diese Einstellung, sondern die Unsicherheit, mit der der Begriff des Volkes gebraucht wird. Fechter sagt zum Beispiel, daß die Kriegsfreiwilligen igi4 den ersten Teil des „Faust" mitnahmen, aber „wie viele von den Männern des Volks, die mitgingen, nahmen Paul Fechter: Dichtung der Deutschen. Eine Geschichte der Literatur unsere« Volkes, von den Anfängen bis tur Gegenwart. Deutsche Buchgemeinscaaft ig32. Geb. RM. g.So. 63