Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Dessaus Geschichte der Römischen Kaiserzeit [Rezension]
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 58 (sequence 5)
- Language
- German
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Raphael Strauß durch das ältere, ritenreiche, das lebendige Gefühl an Formen, die Synagc^ö an die Nation bindende Judentum. Diese zweite Fesselung des Meyerschsn Erkenntnisvermögens findet sich angedeutet in seinen Äußerungen über die angebliche Erstarrung des antiken Judentums in kultischen Formen (Sadduzäismus) bzw. kasuistischer Spitzfindigkeit (Pharisäismus). Biesen Deutungen wird indessen nur der zustimmen kOimea, der—um etwas unserer Vorstellung Näher- Uegendes zu nennen — in dem kultischen Formenreichtum der katholischen . Kirche und den scholastischen Spitzfindigkeiten des Spatmittelalters einen untrüglichen Beweis für eine Einbuße an lebendiger Religiosität sehen wilL Bekanntlich ist gerade dies vielfach geschehen. Auch wenn man dem „Sinn für das Lebendige" (Meinecke) in der Geschichtsschreibung den weitesten Spielraum läßt, müssen solche Erwägungen jenseits der Grenzen der Wissenschaft bleiben. Es verlohnt sich, den Tatsachen, die eine solche Überbewertung der negativen Seiten zu rechtfertigen scheinen, weiter nachzugehen. Dabei bleibe jener Hinweis auf die Bücher Esther und Judith außer Betracht. Denn die Stimmungshinlergründe dieser älteren Literatur sind ausgesprochen politischer Art — Abwehr der Eingriffe des „törichten, flatterhaften" Antiochus IV. (Dessau) — und gerade diese politische Entwicklung war 100 Jahre später, in der Zeit des Frühchristenlums, im Abklingen. Darum lassen sich jene kriegerischen „Haßgesänge" — ständige Begleiter friedloser Lebensverhältnisse — mit der späteren Entwicklung in keine eindeutige Beziehung setzen. Dagegen ist in dem vielfach, auch von Meyer, ausgesprochenen Gedanken, daß das antike SpätjudenUim im Formalen erstarrt gewesen sei, die Übersteigerung nachweislich. Das sei im folgenden kurz gezeigt. Das Spätjudenium war aus einer eigentümlichen Kuliuranlage hervorgegangen. Es verdankte seine Entstehung der Rückwanderung aus dem babylonischen Exil, d. h. einem Willensimpuls, und konnte nur infolge strenger Gesetze, die an die Namen Esra und Nehemia anknüpfen, in absichtsvoller Abkapselung von der heidnischen Umgebung bestehen bleiben. Das Streben ging auf ein nationales Eremitendasein unter tlen Völkern hinaus. Eine weitgehende Loslösung von den natürlichen Lebensquellen war Voraussetzung und in fortschreitendem Grade Folge dieser Politik; ebenso aber auch die Anreicherung einer eremitisch leidenschaftlichen religiösen Kultur. Mit dieser Entwicklung war die Herausbildung eines religiösen Rituals an sich schon gegeben. Die gewollte und durch natürliche Bedingungen unterstützte Abschließung verlieh diesem Ritual alle Weihe, die in extensiveren SS