Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Dessaus Geschichte der Römischen Kaiserzeit [Rezension]
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 57 (sequence 4)
- Language
- German
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Dessaus Geschichte der Römischen Kaiserzeit „Judaea und die Juden" geboren wurde; Verworrenheit aber auch wiederum der natürliche Zustand des Augenblicks, in dem die hochgespannten Erwartungen der Judaeer auf ihre von Gott verheißene Weltgeltung einen demütigenden Schlag nach dem andern erlitten. Auf der Mommsen am entferntesten liegenden Seite befindet sich der Flügel, als dessen Führer heute Eduard Meyer anzusprechen ist. Weit über alle Vorläufer und Zeitgenossen hinausgreifend sucht er die Geschichte des* Spätjudentums und des Frühchristentums in die Weite der morgen- und abendländischen Reiigions- und Staatsgeschichte einzubetten, zugleich aber auch religionsgeschichtlich zu bewerten. Es ist der Lösungsversuch einer großen Aufgabe in ihrer weitesten Formulierung, eben das, was Mommsen mit begründeter Zaghaftigkeit vermieden hatte. Dieses Programm ist mit Voltairescher Großartigkeit aufgestellt, aber eben aus dieser großen Fassung der Aufgabe rühren die Unvollkommenheiten der Lösung her. Die Herkunft der Meyersehen Urteilstrübungen wird aus den Gegenständen, an denen sie sich erweisen, ganz deutlich. Es sind zwei gefühlsmäßige Hemmungen zu unterscheiden. Wie die Blicke Mommsens, des Historikers des römischen Reichs, von der judaeischen Enge und Wirrnis eher abgestoßen als angezogen wurde, so beklagt Meyer, der Historiker des „Altertums", also eines weit größeren Zeit- und Erdraumes, die fanatische Gewalttätigkeit des antiken Spätjudentums gegenüber den hellenistischen Städtern, den Vertretern antiken Wellkullurgefühls. Die Bücher Esther und Judith werden als Beweis dafür angeführt, daß es sich nicht um Äußerungen primitiver Wildheit, sondern wissentlich kultivierter Barbarei gehandelt habe. Aber solche Wertungen sind gefährlich. Nur der könnte sie gelten lassen, der ebenso bereit wäre, die Kultur der europäischen Christenheit im i5. Jahrhunderl nach dem „Hexenhammer'* und der Inquisition zu beurteilen, was ja auch vielfach vorgekommen ist. In beiden Fällen liegt in der beschrankten Auslese und einseitigen Akzentuierung der Tatsachen ein Mangel, der bei Meyer nicht als Folge unzureichender Urteilsfähigkeit, sondern allein als Folge der Bindung an alte kirchlich-christliche Vorstellungen zu verstehen ist. Wie aber der an hellenistische Kulturtoleranz gewöhnte Blick des Althistorikers nur widerwillig bei dem „judaeischen Fanatismus" verweilt, so fühlt sich der Geschichtsschreiber des Frühchristentums („Ursprung und Anfänge des Christentums") — der jungen nur auf das ursprüngliche religiöse Gefühl aufgebauten Religion mit ihrer kosmopolitischen Entwicklungstendenz — irritiert 57