Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Dessaus Geschichte der Römischen Kaiserzeit [Rezension]
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 56 (sequence 3)
- Language
- German
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Raphael Strauß die judaeische Messiashoffnung, die neben den religiösen stark politische Hintergründe hatte und sich in militärischen Aufständen offenbarte. Dort höchste Leistung von Erben der politischen Macht bei abgestorbener Leidenschaft und absterbender Potenz; hier nur Leidenschaft und völliger Mangel an politischer Instrumentation. So wenig Vespasian und Titus geneigt waren, ihren Sieg über Judaea durch einen Titel „Judaicus" zu verdeutlichen, so wenig kam für ihren Geschichtsschreiber Mommsen das politisch mißgestaltete Judaea in seiner kulturellen Eigenart für vertiefte Einfühlung und Darstellung in Frage. Nicht daß diese bedeutende Darstellung irgendetwas zu wünschen übrig ließe, sondern der Betrachtungsgegenstand als solcher verschließt sich einer die Staatskultur pflegenden Geschichtsbetrachtung. Für die flanschen Kaiser war mit dem Triumph des Titus der „jüdische Krieg" gewonnen und abgetan; ihr Geschichtsschreiber weiß es besser, aber nur mit Bedauern stellt er fest, daß „die Legionen Jerusalem zerstören, das Judentum aber nicht schleifen könnten", d. h. daß nicht die Juden in das römische Kulturleben ebenso eingeordnet werden konnten wie die Prokuratur Judaea in das römische Reich. Hier sei zum ersten Male darauf hingewiesen — später wird es ein zweites Mal geschehen müssen —, wie Dessau diese Einseitigkeit römisch-geschichtlicher Betrachtung in seiner Darstellung zu vermeiden sucht. Er stellt in den Anfang seiner Erörterung einen ausführlichen Hinweis auf die altjüdische „Bibliothek", also auf die heiligen Bücher der Juden, und ihren hohen Gehalt. Er weist damit auf die kulturelle Kehrseite der politischen Mißgestalt Judaeas hin. Was bei Mommsen auf andeutende Bemerkungen beschränkt bleibt, wird hier als Fundament der Betrachtung an den Anfang gestellt. Diese verschiedene Akzentuierung rückt die ältere Darstellung Mommsens sozusagen in eine juristisch-politische Flügelstellung gegenüber dem Betrachtungsgegenstand, während Dessaus Betrachtungen das verbindende Zentrum sind in der Richtung auf die anderseitige kulturgeschichtliche Flügelstcllung, die von den Darstellungen der innerjüdischen Geschichte und der christlichen Frühgeschichte eingenommen wird. So erklärt es sich, daß die Dessausche Schilderung bei geringerer Einseitigkeit auch geringere Geschlossenheit besitzt; sie hat selbst in ihren politischen bzw. kulturgeschichtlichen Partien zentrifugale, mit den Flügeln verknüpfende Tendenzen. Auch hier liegt nicht etwa ein Mangel der Darstellung vor; denn dieser Mangel an natürlichem Schwergewicht und Eindeutigkeit ist in der Geschichte Judaeas als solcher begründet. Verworrenheit war der Zustand des historischen Augenblicks, in dem die neue christliche Weltreligion 56