Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Dessaus Geschichte der Römischen Kaiserzeit [Rezension]
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 55 (sequence 2)
- Language
- German
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Raphael Strauß: Dessaus Geschichte der Römischen Kaiserzeit „Judaea und die Juden" lieferung, wie sie in zahl, reichen Kulturerscheinungen — vom Christentum bis zur Rezeption des römischen Rechts — zutage tritt Um diese Fesselung des Abe. Landes zu verstehen, muß man sich die zwmgende Go r/alt vergegenwärtigen, die von höchstgesteigerter Lebenskraft und -tätigkeit selbst auf den Widerstrebanden ausgeht. Im kaiserlichen Rom lief an Staatskunst, Wissenschaft, Wirtschaft und Technik alles zusammen, was 3ooo Jahre miicelmeerlandischer Kultur geschaffen hatten. Für die jungen nordeuropäischen Völker war es der vom Schicksal gewiesene Weg, sich diese Kultur anzueignen, indem sie deren Träger unterwarf. Bis ins 18. Jahrhundert galt das Ergebnis dieser (nicht synkretistischen [Kittel], aber darum doch auch von außen angeregten und bereicherten) judaeischen religiösen Entwicklung in Europa als die Religion. Unsere Gotteshäuser, Schulen und Rechtseinrichtungen ruhen noch heute auf diesen Fundamenten, und die Neugestaltung unseres Lebens, die heute u. a. in vermehrten Austritten aus den Kirchen ihren Ausdruck findet, steht — nur zum Teil bewußt — im Kampf gegen Lebensformen, die altrömischen und altjudaeischen aufs engste verwandt sind. Diese nahe Familienbeziehung bringt es mit sich, daß die universalgeschichtliche Bewertung jener Kulturen nur schwer mit ganzer wissenschaftlicher Unbefangenheit zu sichern ist. Auch heute, wo eine außerordentlich große Summe wissenschaftlicher Ehrlichkeit und Leistung sich auch dieser Fragen bemächtigt hat, kann man nicht sagen, daß diese Aufgabe gelöst wäre. In den rein römisch-geschichtlichen Zusammenhängen hat jene Helligkeit der Klassizität die Möglichkeiten subjektiver Betrachtungsweise aufs engste beschränkt. Dagegen sind noch immer für die Beurteilung „Judacas und der Juden" vielfach außerwissenschaftliche Neigungen mitbestimmend. In der Literatur, die ca. 1860 entstanden ist, dürfte es kaum eine Erscheinung geben, die bezüglich des antiken Spätjudentums nicht — pro oder contra — eine außerwissenschaftliche Gemüisbeteiligung nachdrücklich betonte. Nur schrittweise hat sich aus den Arbeiten der sog. liberalen „Tübinger Schule" heraus die Selbstbefreiung der wissenschaftlichen Erkenntnis durchgesetzt Trotzdem bleibt doch auch bei den ganz Großen der letzten wissenschaftlichen Generation die Bindung an das persönliche Gefühlsleben unverkennbar, bei Julius Wellhausen nicht anders als bei Theodor Mommscn und Eduard Meyer. Es läßt sich für die Psychologie der Geschichtsbetrachtung kaum etwas Lehrreicheres denken als eine vergleichende Betrachtung dieser drei Autoren. Es läßt sich kein größerer Gegensatz denken, als das römische Staatsleben der Wirklichkeit und 55