Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Eine kulturgeschichtliche Skizze
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 39 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2895450-2895515-2895517-2902877--06286-2902945- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Eine kulturgeschichtliche Skizze und Bürgertum, zwischen Bauerntum und Geistlichkeit, die von den einzelnen Ständen usurpierten und verbrieften Privilegien, die wohlerworbenen oder erkämpften politischen Rechte, die Vorrechte der Geburt und die Unmöglichkeit des Übertritts von einem Stand in den andern. Trotzdem kann man in der jüdischen Gesellschaft jener Jahre drei klar voneinander geschiedene Klassen oder Gruppen wahrnehmen: Ein Patriziat, ein mittleres und ein niederes Bürgertum. Zum Patriziat kann man die alteingesessenen, mit besonderen Privilegien und Schutzbriefen ausgestatteten Familien rechnen, wie die im Jahre 1670 in Berlin aufgenommenen Wiener Exulanten, oder die seit Generationen in Kleve, Halberstadt, Fürth oder Frankfurt wohnenden altbekannten Geschlechter. Weiterhin gehörten zu ihm die Juden mit großem Vermögen, die Hoflieferanten, die Münzjuden, die Faktoren, die Exporteure und Bankiers, öle Verleger und Fabrikanten. Sein wichtigster und angesehenster Bestandteil aber waren die Gelehrten: die Rabbiner, die Talmudlehrer und -schüler und die Ärzte, so daß man gewissermaßen von einer Geburts-, einer Geld- und einer Geistesaristokratie sprechen kann. Manchmal trafen auch alle drei Faktoren in einer einzigen Familie zusammen. Die Gumperts in Kleve zum Beispiel vereinigten in ihrem Geschlecht Reichtum, Alteingesessenlieit und rabbinische Gelehrsamkeit. Die Liebmanns in Berlin waren Hoflieferanten, Rabbiner, Gemeindevorsteher und Juweliere und gehörten gleichzeitig zu den ältesten Ansiedlern von Halle und Berlin. Das jüdische Patriziat besaß die typischen Eigenschaften der Patrizier aller Zeiten: ein ausgeprägtes Gefühl für Stanücswürde und Standesehre, eine Solidarität im Handeln, wenn eines seiner Mitglieder bedroht war, Exklusivität und Vornehmheit, Formgefühl und Großzügigkeit, aber auch Trotz und Hochmut, Herrschsucht und Rücksichtslosigkeit, Machtbewußtsein und Konservativismus der Gesinnung. Wie der christliche Adel und das städtische Patriziat alle Ämter und Stellungen usurpierten, war auch das jüdische Patriziat überzeugt, die Ämter der Ältesten, der Steuerrezeptoren und Gemeindevorsteher in seiner Hand vereinigen und an seine Kinder, Verwandten und Freunde weitergeben zu dürfen. Einem homo novus war, wie bei den fürstlichen Familien, das Eindringen in ihre Klasse verwehrt, Heiraten waren nur innerhalb ihres Kreises gestattet Wir wissen von verwandtschaftlichen, durch Heirat geknüpften Beziehungen zwischen den Hof juden Leffmann Behrens aus Il^inover und Bernd Lehmann 39