Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Eine kulturgeschichtliche Skizze
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 41 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Eiae kulturgeschichtliche Skizxe Seiden-, Samt-, Band-, Litzen- und Tuchfabrikanten, aus den untersten Gemeindebeamten, aas den Hausierern und den Ortsarmen, deren Unterhalt Pflicht der Gemeinde war. Dieses Bürgertum besaß die typischen Eigenschaften einer von der Umwelt bedrückten, von einer vornehmen Oberschicht beherrschten, in engen und ärmlichen Verhältnissen lebenden, der geistigen Bildung ermangelnden, auf wenige Berufe angewiesenen Menschenklasse. Wenn die Gemeindeakten jenes Jahrhunderts angefüllt sind mit endlosen Anklagen, VerdHchligungen, Intrigen und Hetzereien des einen gegen den andern, wenn <ias Türgertum gegen das Patriziat, der Unvergleitete gegen den Vergleiteten rebellierte und die ganze Gemeinde sich gegen den Neuaufgenommenen oder den Erfolgreichen auflehnte, so spürt man hinter diesem ganzen Quärulantentum, diesem Eigensinn und dieser Eigenbrötelei, dieser Konkurrenzfurcht und dieser Rechthaberei die Not einer durch die Verfolgung vieler Jahrhunderte seelisch verkrampften Gemeinschalt. Weil die Umwelt sie nicht gelten ließ, mußten sie versuchen, sich selbst zur Geltung zu bringen. Weil man sie als minderwertig bezeichnete, mußten sie durch Selbstbewußtsein und Überheblichkeit das eigene Minderwertigkeitsgefühl aufheben. Weil die erlittene Ungerechtigkeit und der angehäufte Groll sich nicht umsetzen ließen in Leistung und Gestaltung, in Forschung und in Tat, blieb ihnen die Erlösung versagt.--— So stellt der Jude jener Zeit der staatlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Übergänge vom Mittelalter zur Neuzeit selbst einen Übergangstypus dar, der den Juden des Ghetto mit dem Juden der Emanzipation, den religiösen Typus des Mittelalters mit dem rationalen Typus der Moderne verbindet. Während er als wirtschaftender Mensch die Forderungen seiner Zeit erkannte und selbst zum Wegbereiter der merkantilislischen und kapitalistischen Weit wurde, fehlte ihm noch der innere Zwang, seine Umwelt zu durchdringen, sich mit ihren seelischen und geistigen Kräften auseinanderzusetzen. Während er begann, den Staat, seine Verfassung und Verwaltung zu verstehen und selbst zu einer Stütze des modernen Absolutismus zu werden, lebte er in seinen religiösen Vorstellungen in der Vergangenheit oder in der Zukunft Mit dem Juden der früheren Zeit verband ihn die Einheit, die Geschlossenheit und die Selbstverständlichkeit der jüdischen Gesinnung, mit dem Juden der Emanzipaticnszeit die innere Unruhe und Not und die seelische Unausr geglichenheit, aber auch die Sehnsucht nach Wirken und Tat und nach reicherer Lebensgestaltung. 4t