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Der Morgen · 1933-04-01 · Heft 1 (April 1933) · p. 37

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 1 (April 1933)
Article
Eine kulturgeschichtliche Skizze
Date
1933-04-01
Page
37 (sequence 8)
Language
German
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Eine kulturgeschichtliche Skizze in soziologischer Beziehung noch in mittelalterlichen Vorstellungen befangen. Man hat das Wesen des mittelalterlichen Renschen einmal dahin definiert, daß der Einzelne durch die staatliche und soziale Ordnung des Feudalsystems und durch die kirchliche Ordnung ein für allemal seinen Platz angewiesen bekam. In ähnlicher Weise blieb auch der Ghettojude den sozialen und religiösen Ordnungen und Bindungen seiner Gemeinschaft verhaftet. Durch die Erinnerung an die gemeinsame leidvolle Vergangenheit, durch die feste Organisation der Gemeinde, durch die eigentümliche soziale Struktur der Gesellschaft wurde in der ganzen Judenschaft das Gefühl einer unlöslichen Verbundenheit und Einheit wachgehalten, das noch gesteigert und befestigt wurde durch die mystische Verbundenheit des Einzelnen mit Gott, durch das Gefühl der Einheit zwischen Unendlichem und Endlichem, zwischen Himmel und Erde, z . ischen Mensch und Mensch als dem Ebenbild Gottes auf Erden. Das Charakteristische des Gheltomenschen — und darin besteht der große Unterschied zwischen ihm und dem modernen Menschen — lag in der Stärke seines Gemeinschaftserlebnisses und Gemeinschaflsbewußtseins, in der schicksalhaften Gebundenheit aller an alle, in dem kollektiven Schuld- und Verantwortungsgefühl, hinter dem das Persönlichkeitsbewußtsem und das Individualitätscrlebnis zurücktrat. Das Individuum wurde von der Gemeinschaft absorbiert Die von ihr vorgeschriebenen Sitten und Normen, Gesetze und Gebräuche bestimmten Weg und Richtung ihrer Mitglieder und ließen der persönlichen Entwicklung, der individuellen Freiheit keinen Raum. Alle Leistungen politischer, geistiger, seelischer Art waren Leistungen der Gemeinschaft. Die Gemeindeorganisalion machte den einen haftbar für den andern, ließ die Gemeinschaft schuldpflichtig und verantwortlich werden für den Einzelnen und schuf damit jenen Geist der Solidarität, der jedes Gemeindemitglied mit dem gleichen Willen, dem gleichen Interesse, der gleichen Hingabe erfüllte. Erst die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft,gab dem Individuum Würde, Ansehen und Bedeutung, ermöglichten ihm die Ausübung seines Berufes, die Erfüllung seiner religiösen Pflichten, die Erhaltung seiner Existenz. Das Bewußtsein, Mitglied einer großen und berühmten Gemeinde zu sein, verlieh auch dem Unbedeutendsten Selbstbewußtsein und Stärke und etwas von dem Glänze, der die Gemeinde selbst umfloß. Wer sich der Gemeinde entzog, entzog sich dem Judentum schlechtweg, verlor den Sinn seines Lebens, die Grandlage seines Seins. Wie der Mann ohne die Frau, die Kinder ohne die Ellern nicht denkbar waren, wie das Ghetto weder den Junggesellen kannte noch die alleinstehende 37

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