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Der Morgen · 1933-04-01 · Heft 1 (April 1933) · p. 35

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Journal
Der Morgen
Volume
9 (1933-1934)
Issue
Heft 1 (April 1933)
Article
Eine kulturgeschichtliche Skizze
Date
1933-04-01
Page
35 (sequence 6)
Language
German
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Eine kulturgeschichtliche Skizze und die „Aktion von König David und Goliath" zu einer erzieherischen Angelegenheit gestalteten. Trotzdem besaßen die deutschen Juden jener Zeit keine Bildung im modernen Sinn. Die Beweglichkeit, die Einfühlungskraft des hellenistischen, die philosophische Spekulation des spanischen, die hohe Kulturstufe des holländischen, die schöpferische Phantasie Hes italienischen, die religiöse Ekstase des polnischen Juden fehlten ihnen vollständig. Die seelische Erstarrung, unter dem äußeren Druck entstanden, war noch nicht von ihnen gewichen. Die mathematischen, medizinischen und geographischen Kenntnisse, die die Umwelt vermittelte, die Übernahme der deutschen Sagen und Legenden waren nur äußere Stoffsammlungen, deren sich ein hungriger Geist bemächtigte, ohne sie innerlich zu erfassen und zum Bildungserlebnis zu machen. Was den deutschen Juden jener Zeit bewegte, die Auseinandersetzung zwischen Kabbalah und Rabbinismus, der Kampf zwischen mystischer Schau und geoffenbartem Gesetz, die sabbathianische Bewegung, die Kämpfe innerhalb der einzelnen Gemeinden, das Glück und das Ende großer jüdischer Persönlichkeiten wie des Elkan Frankel in Ansbach, des Jud Süß in Württemberg, des Lcffmann Behrens in Hannover sind von keinem Dichter gestallet und durch die Kunst der Sprache oder die Kraft der Idee zum Ausdruck eifier Epoche erhoben worden. So festgeschlossen und einheitlich die Welt des Talmud war, so war sie doch eine einseitige, nur eine Stufe der Entwicklung umfassende, nur eine Seite des menschlichen Geistes berührende Well. Wie Gelchrtenbildung identisch war mit religiöser Bildung, wie das Gerichtswesen, das Armen- und das Vorniundschaflswesen, das Familien- und das Gemeindelebcn vom biblischen Gesetz und talmudischen Recht bestimmt wurden, so war auch das ganze Lebensgefühl der damaligen Juden religiös gebunden. Das Wissen des einzelnen Gelehrten war groß, sein Versland war durch den halachischen Pilpul, durch Dialektik und Kasuistik aufs äußerste geschärft, aber seine Gelehrsamkeit entbehrte der Külmheit der Spekulation, der Freiheit der Forschung. Weil die ursprünglich schöpferische, religiöse Kraft fehlte, erschöpften sich die Schriften der Gelehrten in dogmatischen Erörterungen, in rituellen Vorschriften, in immer strengeren Bindungen an den überlieferten Brauch. Man wird sich des Kulturunterschiedes zwischen dem damaligen Juden und seiner Umwelt erst bewußt, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Probleme die Geisleswissenschaften jenes Jahrhunderts beschäftigten. Der menschliche Verstand, autonom geworden und sich dieser Autonomie 35 3*

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