Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Eine kulturgeschichtliche Skizze
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 33 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine kulturgeschichtliche Skizze Fortsetzung fanden, aufs äußerste bekämpft. Dem lutherischen Naturrecht und damit den theologisch-ethischen und scholastischen Theorien des Mittelalters folgend, sahen sie in der Aufrechterhaltung der ständisch-natürlichen Gliederung, bei der jeder Stand die ihm von Gott selbst zuerteilte und von der Obrigkeit geschützte Arbeit sowie sein ausreichendes Einkommen fand, das göttliche Gesetz erfüllt. Mit diesen religiösen Postulaten standen die Vorstellung von der Unfruchtbarkeit des Geldes, von der Notwendigkeit des Zinsverbots, die Ablehnung des Kredits und der Vermehrung dzs Besitzes, der Kampf gegen Kalkulation und Monopol, gegen freie Initiative und freien Beruf, die Sehnsucht nach patrimonialer Staatsverwaltung und ständischer Gesellschaftsordnung in engem Zusammenhang. Alle Kränkungen und Schmähungen, in denen sich die Stände und Zünfte über die Juden ergingen, wollten nicht nur die Ketzer und Andersgläubigen treffen, nicht nur die Ausländer und Fremden, sondern auch die Wegbereiter des Absolutismus, die Träger einer neuen Staats- und Wirtschaftsauffassung. Diese Widersprüche, welche die Beziehung der äußeren Umwelt zur Judenfragc charakterisierten, lassen sich auch beim jüdischen Typus beobachten. Während die günstigere Wirtschaftslage und die beginnende Emglicderung in den Staat ihre soziale Position verbesserte, während sich der Hausierer allmählich in den Händler, der Handwerker in den Fabrikanten, der Geldwechsler und Verleiher in den Bankier und Hoflieferanten verwandelten, während der Verkehr mit den staatlichen Behörden, den städtischen Magistraten, den Kommissaren und Bäten sie in Form und Haltung, in Sprache und Kleidung, in Lebensstil und äußeren Gewohnheilen den Menschen der Barockzeit anglich, blieben sie in seelischer und geistiger Beziehung noch dein Ghetto verhaftet. Die Grundlage alles geistigen Seins bildete noch immer die von den Rabbinern und Gelehrten gehütete, Tag für Tag erforschte und ergrübelle, in den Talmudhochschulen gelehrte und an die Jünger weiter gegebene Wissenschaft vom Talmud. Er bedeutete für die Juden jener Zeit Schule und Universität, Weltanschauung und Wissenschaft, gedankliches System und innerstes Erlebnis. Sie besaßen in ihm ein ausgebildetes System des Rechts, ein Strafrecht sowohl wie ein Zivilrecht, das mit seinen bestimmten Gesetzen und Normen, Novellen und Kommentaren eine Art Corpus juris darstellte. Gleichzeilig vermittelte er ihnen Kenntnisse der Ethik, der Pädagogik, der Hygiene und der Kosmologie. Er enthielt Parabeln und Fabeln, Senlenzen und Sprichwörter von wellanschaulicher Bedeutung, die in jeder Lebenslage Rat, in jedem 33