Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Eine kulturgeschichtliche Skizze
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 31 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Selma Stern: Eine kulturgeschichtliche Skizze nur den Juden eigentümliche und nur aus ihrem seltsamen und schweren Schicksal erklärbare Gemeinsamkeiten, die den Versuch rechtfertigen, an Stell© des Werdenden und sich Entwickelnden das Bleibende, an Stelle des Besonderen und Individuellen das Allgemeine und Typische zu setzen. Ich wähle zu diesem Zwecke einen kleinen Zeitabschnitt, die Epoche zwischen dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und dem Zeitalter Friedrichs des Großen. Denn einmal stehen mir für diese Zeit bisher unerforschte jüdische Geschichtsquellen zur Verfügung, die den Typus des noch wenig bekannten Ghettojuden aus der Übergangszeit vom Mittelalter zur Emanzipation in einem neuen Lieble zeigen. Zum zweiten sc!- ::it jene Epoche wie kaum eine andere geeignet, das Problem zu erhellen, da sie eine Zeit allgemeiner staatlicher, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Auflockerung war, die sich zum ersten Male bewußt, wenn auch noch zwiespältig und widerspruchsvoll, dem jüdischen Menschen zuwandle. Von außen her lockerte der Staat das feste Gefüge der altjüdischen Gemeindeordnung. Während das Steuer-, Finanz- und Bchördcnsyslem und die absolutistische Tendenz der Gemeindeauflösung die Juden fester als früher mit dem Staate verband, verknüpfte sie das mcrkantilistische Handels-, Fabrik- und Geldsystem auf das innigste mit der Wirtschaft der Länder. Ebenso stand unter dem Einfluß der frührationalistischen und aufklärerischen Strömung der Zeit die Gesellschaft den Juden weniger feindlich als in den früheren Perioden gegenüber. Aber wie die Judeii}K)Iitik der Fürsten Spannungen und Widersprüche zeigte, wie auf Begünstigungen und Konzcssionen, auf Prämien und Privilegien unter dem Druck des Protektionismus immer wieder Einschränkungen, Reglementierungen und Kontrollierungen folgten, war auch die Stirnmung der Gesellschaft doppeldeutig und zwiespältig. Den liberalen Anschauungen der Beamten, Literaten, Philosophen und Kameralislcn trat dii» dogmatische, konfessionell gebundene Weltanschauung der christlichen Gescilschaft feindselig gegenüber. Der Linie, die von Pufendorf, Thomasius und Wolff zu Lessing, Dohm, Herder und Kant führte, entsprach die Linie, diw Luther und die Reformatoren mit der Reaktion der Restauralionszeit, mit Metternich und der Romantik verband. Während die einen ein neues Zeitalter der Toleranz und der Humanität ankündigten, waren die andern vom Glaubt-u an Dämonen und Hexen, an Kelzerei und Teufelsauslreibung erfüllt. Während zum Beispiel Christian Wolff in Halle den Fürsten die Duldung aller Kirchen und Religionen empfahl, weil das Wesen der Religion Liebe sei, verlangte die 31