Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Eine kulturgeschichtliche Skizze
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 30 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine kulturgesdiichtliche Skizze von Selma Stern Die Aufgabe, die ich mir gestellt habe, ist nicht, den Ghcttomeiischen als (üncn einheitlichen Typus zu erweisen. Wie die Angehörigen aller anderen Klassen war auch er in seinen typischen Formen durch Zeit, Ort und Umstände verschieden gestaltet. Der Jude der Kreuzzugszeit unterschied, sich in seiner kulturellen Verfassung, seiner sozialen Stellung, seinen wirtschaftlichen, Möglichkeiten und in seiner Beziehung zur Umwelt vollständig von dem Juden der Reformationszeit. Das Zeitalter der Gegenreformation gestaltete die Lebensverhältnisse und damit die soziale Lage der Juden anders als die Epoche des Dreißigjährigen Krieges oder die des Absolutismus. Der in dem Ghetto von Frankfurt geborene Jude besaß einen andern Lebensstil, eine andere Lebensführung und Tradition als die Juden von Hamburg oder Fürth, von Halberstadt oiler Berlin oder die der Landjudenschaften und der kleinen dörflichen Siedlungen der Provinzen. Die geschichtlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen bestimmten und wandelten den jüdischen Typus ebenso sehr, wie ihn die Sprache, das Klima, die Politik und die Verfassung der Staaten, in denen sie lebten, bestimmten und wandelten. Wenn trotzdem hier von allen diesen historischen Bedingtheiten und landschaftlichen Zufälligkeiten abgesehen werden soll, so geschieht dies in der Erkenntnis, daß sich beim Ghettojuden gewisse lypologische und strukturelle Lebensformen aufzeigen lassen, die ihre Wurzeln in einem gemeinsamen, von Generation zu Generation vererbten jüdischen Lebensgefühl hatten. Es handelt sich bei diesen Lebensformen nicht um Gesetzmäßigkeiten, die im Ablauf der jüdischen Geschichte immer wiederkehren. Aber es handelt sich um bestimmte, 30