Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 28 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Cassirer ihres Hervorlretens, in der Weise, nach der sie in der Menschemvelt zuerst wirklich und wirksam-werden, nichts anderes zu sein, ab die einfache Weiterfuhrung und Fortsetzung dessen, was die Kraft des Instinkts innerhalb der tierischen Welt ist und leistet. Die Normen, die sie aufstellen, sind Zwangsgebote, die dazu dienen sollen, den Automatismus des sozialen Handelns sicher zu stellen. Aus dem Kreise dieser Normen soll und darf es kein Entrinnen geben. Je strenger die Regelung ist, je mehr sie in jede Einzelheit des Tuns eingreift, um sie im voraus zu bestimmen und sie gemäß den Zwecken der Gemeinschaft zu lenken, um so besser und sicherer erreicht sie ihr Ziel. So ist es die Herrschaft der Sitte, die, empirisch gesehen, alle Sittlichkeit begründet, und aus der auch die Religion in ihrem historischen Dasein, ihre erste, ja einzige Kraft zieht. Sie bindet Gegenwart und Zukunft des Menschen fest an seine Vergangenheit; und sie kennt kein höheres Streben als diese Vergangenheit zu erhalten, sie in der Gegenwart fortzusetzen und sie in die Zukunft hinüberzureiten. Der Leitspruch dieser Moral und dieser Religion ist daher die Forderung des Bestandes und der Gleichförmigkeit. Für sie gilt nichts, als was von jeher gegolten hat; das ewig- Gestrige, was immer war und immer wiederkehrt, ist das Gesetz, das sie über allem Tun aufrichtet. Und wie diese Grundform und diese historische Anfangsform der Moral und der Religion keine wahrhaft universelle Zeitanschauung kennt, wie sie in der Zeit nur die Forin der Wiederholung, nicht die der stetigen Err. ::erung, der schöpferischen Entwicklung sieht, so gilt die gleiche Begrenzung, die gleiche Befangenheit und Gebundenheit, auch in rein qualitativer Hinsicht für alle Maßstäbe, die sie gebraucht, und die sie kraft dieses Gebrauchs legitimiert. Immer wird durch diese Maßstäbe nur eine relative Gemeinschaft gefordert: eine Gemeinschaft, die sich in bestimmte, von der Natur gesteckten und von ihr vorgegebenen Grenzen hält. Eine wahrhaft-allumfassende, eine absolute Gemeinschaft, eine solche, die auf das Ganze der Menschheit hinblickt, und die ihre Normen dem Ausblick auf diese Ganzheit entnimmt, besteht hier noch nicht und kann noch nicht mit Sinn, mit wahrhafter konkreter Überzeugung gedacht werden. Sittlichkeit und Religion machen an der Grenze der Familie, des Stammes, der Nation halt; ihre Verbindlichkeit reicht nicht weiter als diese natürlichen Verbundenheiten reichen. Und es gibt keine stetige Entwicklung, keine gradweise Abstufung, keine bloß-quantitative Erweiterung, die uns von diesen letzteren, von der Gestalt der Familie, des Stammes, der Nation zu dem Ethos der absoluten Gemeinschaft hinführen kann. Hier gibt es kein langsames Weiterschreiten; das neue Ziel, das hier aufleuchtet, läßt sich nur 28