Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 29 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Henri Bergsotis Ethik und Religionsphilosophie I durch einen Sprung erreichen. Aber daß dieser Sprung kein Sprung ins Nichts, daß er kein salto mortale ist, sondern daß sich in ihm die Möglichkeit und die Wirklichkeit eines neuen Lebens erschließt: das eben ist es, dessen uns die» Moral und die RcT zn, in ihrer höchsten Gestalt, versichern, und wovon sie selbst das unmittelbare Zeugnis ablegen. L '.z eigentliche, die dynamische Religion knüpft nicht an die Maßslabe der statischen Religion und der statischen Sittlichkeit an; sie besteht nicht in ihrer Fortbildung, ihrer einfachen Evolution, sondern sie stellt ihnen gegenüber eine völlig neue Schöpfung dar. Sie ist der Glaube an eine Form des Lebens, die nicht war und nicht ist, sondern die erst erobert, die neu geboren, die durch den Menschen erschaffen und hcraufgef ührt werden muß. Und eben hierin bekundet sich nun die spezifisch-eigene Kraft des Menschen; bekundet sich das, was ihn über alles bloß-vegetative oder animalische Sein hinaushebt. Seine Wirklichkeit kann niemals darin aufgehen, daß sie sich dem Boden des Daseins verhaftet, daß sie sich an die Welt mit klammernden Organen festhält. Sie kann sich nur in der Form der Antizipation, in der Voraus-Schau, in einer wahrhaften Vision erfüllen. Und damit ist in jene Analyse der Zeitanschauung, auf der Bergsons gesamte Philosophie ruht, ein neuer lug aufgenommen. Bergsons Ethik und Religionsphilosophie verwandelt und vertieft diese Analyse, indem sie die Zeit nunmehr nicht nur als Intuition» sondern als Vision nimmt. Die Intuition deutet das Leben als „reine Dauer"; sie versenkt sich, um ihrer leilhaft zu werden, in die Vergangenheit des Lebens; sie holt das Bild seiner Gegenwart aus seiner Vergangenheit hervor. Die Vision hingegen sieht die echte, die eigentliche Gegenwart des Lebens nicht von der Vergangenheit her, sondern sie richtet sie auf die Zukunft hin. In der Schau der Zukunft beweist sich ihr das einzig wahrhaft-göttliche, das gollerfüllte Leben. (Ein zweiter Aufsatz folgt.) 29