Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 27 (sequence 8)
- Language
- German
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Henri - gsons Ethik und Rcligioosphilosophte I anderem bestehen als darin, daß sie diese Macht durchschaut, um uns von ihr zu erlösen, um den Menschen, der sich im Geist und durch ihn von dem Ganzen das kosmischen Geschehens getrennt und über dieses Ganze gestellt hat, wieder mit ihm zu verbinden und ihn in den einheitlichen Rhythmus desselben, in die „bildende Yiclgestalt und die unerschöpfliche Fülle des Lebens" wieder aufzunehmen. Aber wenn man, nach Bergsons früheren systematischen Hauptschriften, derartige Tendenzen auch bei ihm wirksam finden und als bestimmend für das Ganze seiner Philosophie ansehen konnte, so weist seine Grundlegung der Ethik und der Religionsphilosophie in eine andere Richtung. Sein Weg — das tritt jetzt immer deutlicher hervor — soll vorwärts, nicht rückwärts, führen. : Zwar soll auch hier die Kritik, die Bergson am Intellekt geübt hat, in voller I Kraft bleiben: und von seinem „Irrationalismus" scheint er nichts aufgeben, ' scheint er keinen Schritt zurückweichen zu wollen. Eine rein rationale Grundlegung der Ethik, eine „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" gilt Bergson als eine in sich widersprechende Aufgabe, als ein unmögliches Beginnen. Aber ebensowenig erscheint jetzt die Welt, der das Sittliche und das Religiöse entstammt, jener Welt verwandt und verhaftet, in der der Instinkt wirksam und in der er eigentlich-heimisch ist Religion und Sittlichkeit lassen sich nicht auf die Herrschaft des Instinkts gründen; sie sind vielmehr dazu bestimmt und dazu berufen, diese Herrschaft endgültig zu brechen. Die Ordnung, die sie aufrichten, ist eine ihrem Wesen nach freie Ordnung; der Glaube, den sie verlangen und verkünden, ist ein freier Glaube, ein Glaube an die Freiheit. Niemals vermag uns das Walten eines bloßen Nalurinstinkts oder eines „sozialen Instinkts" zu dieser Gewißheit der Freiheit und zu ihrer reinen Anschauung zu erheben. Denn alles Leben, das innerhalb der Grenzen des Instinkts und unter seiner Botmäßigkeit verbleibt, ist das Widerspiel und der extreme Gegensalz zur wahren Freiheit. Die Grundkraft des Instinkts besteht darin, daß er die Wesen, die ihm unterstehen, zwingt und bezwingt. Die Bahn, die beschritten wird, ist ein für alle Mal fest abgesteckt, und jeder Schritt auf ihr ist bis ins einzelne durch die Art und Form des Instinkts im voraus bestimmt. Dieses Reich des „somnambulen" Handelns, diese Kette des Automatismus, an die der Instinkt uns anschmiedet, wird im eigentlich-sittlichen Tun und in der spezifischreligiösen Gewißheit gebrochen. Zwar leidet es nach Bergson keinen Zweifel, daß die gewöhnlichen empirischen Erscheinungen des Sittlichen und daß das empirisch-geschichtliche Phänomen der Religion uns nirgends unmittelbar einen solchen Bruch exkennen läßt. Moral und Religion scheinen in der Art 27