Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 26 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Cassirer sondern als Homo faber bezeichnen. Die Intelligenz ist, ihrem eigentlichen Ursprung nach betrachtet, nichts anderes als die Fähigkeit, künstliche Werkzeuge zu verfertigen, insbesondere solche, die wieder zur Herstellung von Werkzeugen dienen, und sie ist die Fähigkeit, diese Erzeugung unbegrenzt zu verändsrn und fortzusetzen." Mit dieser Erfindung und mit d-.r s!3len Verbesserung und Verfeinerung des Werkzeugs aber ist die Intelligenz freilich allen Gefahren der bloßen Mittelbarkeil verfallen. Das feste Band, das im Instinkt jedes einzelne Lebewesen mit äam kosmischen Ganzen verband, tue Sympathie, das Mitgefühl mit dem Leben dos Alls und die sichere und tiefe Einordnung in dasselbe, ist jetzt zerrissen. Und es läßt sich nie wieder in der gleichen Art und in der gleichen Festigkeit knüpfen. Statt, gleich dem Tier, in der einfachen Wirklichkeit des Lebens zu ruhen, sieht sich der Mensch immer wieder aufs hohe Meer der Möglichkeiten Innausgewiesen. Jede Antwort, die der Intellekt gewinnt, schafft eine neue Frage, hinter jedem erreichten Ziel steht ein neues, dringenderes und künstlicheres Bedürfnis auf. In diesem Rad des Ixion wird das Leben restlos umliergelrieben, sofern es sich der Herrschaft des Intellekts überläßt. An seiner eigenen Kraft scheint es sich jetzt aufreiben zu müssen; denn die Macht des Erfundenen erweist sich zuletzt stärker als die Macht des Findens und Erfindens. Der Mechanismus des Werkzeugs zerstört eben jene Wirklichkeit und Wirksamkeit, der er ursprünglich entstammt. Blickt man auf diese Kritik des Intellekts zurück, wie Bergsons Werk über die „schöpferische Entwicklung" sie durchgeführt hat, so gewinnt man immer wieder den Eindruck, als ob der Eintritt und Einbruch des „Geistes" in die Welt des Lehens für 'diese selbst einen unheilbaren und tragischen Bruch in sich schlösse. Das Reich des Instinkts und seine ungebrochene Einheit und Sicherheit liegt hinler uns gleich einem verlorenen Paradies, das wir nicht zurückgewinnen können, aber die Sehnsucht nach ihm läßt sich nicht zum Schweigen bringen, und eine der wesentlichen Aufgaben der Philosophie scheint es zu sein, diese Sehnsucht zu deuten und ihr zur Aussprache zu verhelfen. So scheint Bergsons Lehre hier "jenem romantischen Typus des Philosophierens anzugehören, wie er in der gegenwärtigen Philosophie vor allem durch Klag es repräsentiert wird. Auch er scheint im Geist, im Intellekt vor allem den Widersacher des Lebens und der Seele zu sehen — eine dämonisch-zerslörende Macht, der das Leben in dem Augenblick verfiel, als es sich zur Stufe des Menschen erhob. Und der Weg, den die philosophische Erkenntnis uns weist, könnte in nichts 26