Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 25 (sequence 6)
- Language
- German
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Henri Bergsons Elhifc und ReligionsphOosopliie I tendenzen sichtbar zu machen, deren jede in sich eigentümlich und in sich selbständig ist, die aber eben in dieser Eigenart und in ihrer unaufheblichen Verschiedenheit die Form des Lebens, sein inneres Gesetz und den ihm innewohnenden Rhythmus bestimmen. Das Ganze des Lebens, seine immanente Kraft und sein immanenter Sinn, stellt sich uns empirisch in einem Dreischritt verschiedener Stufen dar. Die erste Stufe tritt wesentlich im Pflanzenreich, die zweite im Tierreich, die dritte im" Menschen hervor. Der Grundirrtum — so erklärt Bergson — der seit Aristoteles die meisten Systeme der Naturphilosophie verfälscht hat, bestand darin, daß man im vegetativen Leben, im Leben des Instinkts und im Leben der Vernunft drei aufeinanderfolgende Grade ein und derselben, sich stetig fortentwickelnden Tendenz gesehen hat; während sie vielmehr drei divergierende Richtungen einer Kraft sind, die sich in ihrem Wachstum in sich selbst gespalten hat Im Pflanzenreich ist diese Kraft vor der Zeit ihrer eigentlichen Reife und Wirksamkeit zum Stehen gekommen; sie ist am Widerstand der Materie erlahmt; sie konnte sich nur behaupten, indem sie in sich selbst erstarrte, indem sie sich zur Bewegungslosigkeit verurteilte. Dieser Starrheit (torpeur), die nach Bergson das charakteristische Kennzeichen des pflanzlichen Lebens ist, stehen der tierische Instinkt und die menschliche Intelligenz als bestimmte Wesen und Grundrichtungen des Tuns gegenüber. Instinkt und Intelligenz bedeuten beide ursprünglich nichts anderes als zwei Formen psychischer Aktivität, zwei verschiedene Aktionsarten, die das Leben und die Seele gegenüber dem toten Stoff, der trägen Materie einschlägt. Der Instinkt ist hierbei vor der Intelligenz durch seine Besonderung ausgezeichnet, die ihm zugleich seine Untrüglichkeit und Unerschütterlichkeit verleiht. Er geht mit nachtwandlerischer Sicherheit seinen Weg; er ist ganz Antwort ohne vorgängiges Fragen; für ihn besteht nicht der Zweifel und die Qual des \\ ahiens, weil er eine in sich selbst ruhende innere Sicherheit, weil er kein bloßes Können, sondern ein Müssen ist. Die Intelligenz hingegen hat diesen Kreis des Instinkts, des organischen Müssens durchbrochen. Sie bewegt sich im Können — und dieses bildet ebensowohl ihren Vorzug wie ihre Schranke. Denn ihre eigentliche und wesentliche Kraft bestellt in der Erfindung und im Gebrauche des Werkzeugs. „Wenn wir allem falschen Stolz entsagen könnten, wenn wir uns, um das Wesen unserer Gattung zu cbfinieren, streng an das halten wollten, was Geschichte und Prähistorie uns als den dauernden Charakter des Menschen und der Intelligenz kennen lehren, so würden wir den Menschen vielleicht nicht als Homo sapiens, 25