Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 23 (sequence 4)
- Language
- German
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Henri Bergsoos Ethik und Religioaspailosopnio I Anomalie erscheinen, daß Berg£ca, der im Gebiet der reinen Erkenntnislehre dem strikten Pragmatismus das Wort redet, der für den Intellekt keine andere Wahrheit erkennt und anerkennt als diejenige, die sich unmittelbar im Handeln bezeugt und durch das Handeln bewährt, eben diese bloß-pregmatische Auffassung aufgibt, wo er sich der eigentlichen Theorie desWollens und Handelns nähert, wo er den Boden der ethischen Probleme betritt Der Verstand als solcher bleibt nach ihm auch in seiner höchsten Sublimierung noch zur strengen Dienstbarkeit verurteilt So frei er sich dünken mag: er ist nicht der Herr des Willens,sondern sein Sklave, All sein Erkennen bleibt mittelbar und mittelhaft; es hat keinen absoluten, sondern nur einen relativen Sinn; es will und es kann nichts anderes sein, als die Vorbereitung zum Wirken. Der Intellekt schreitet in seiner Entwicklung, zu einer immer größeren Verfeinerung und Vergeistigung vor; er kompliziert, er schärft, er differenziert die Werkzeuge, die er für das Handeln schafft und gebraucht; aber eben in dieser seiner Ausbildung und Steigerung tritt nur um so G ütlicher hervor, daß er dem Kreise des Werkzeugmäßigen nicht entrinnen kann, daß er, statt ein Selbstzweck und ein Selbst-Wert zu sein, all das, was er ist, immer nur für ein anderes ist Aber sobald wir in das Gebiet der echten Sittlichkeit vordringen und sofern wir uns in die eigentlichen Urgründe des religiösen Lebens versenken, fällt nach Bergson dieser Zwang von uns ab. Hier bricht die Kette, an die wir im bloß-zweckhaften Handeln und im Erkennen, das den Zielen dieses Handelns dient, geschmiedet waren — und wir atmen zum erstenmal wahrhaft den Odem der Freiheit Auch hier freilich vollzieht sich der Durchbruch nicht mit einem Schlage; er muß langsam und mühsam erkämpft, das neue Gebiet, das sich uns hier aufschließt, muß Schritt für Schritt erobert werden. Denn es gibt nach Bergson zwei einander diametral entgegenstehende, zwei spezifisch-verschiedene und niemals aufeinander reduzierbare Grundformen der Moral und der Peligion. Die eine sieht ihr höchstes Ziel in der Ruhe, in der Sicherung des Bestandes der Dinge, in ihrer festen Abgewogenheil und ihrem Gleichgewicht Sie ist wesentlich statisch: sie will eine Ordnung herstellen und verbürgen, die das Leben der Gattung wie das der Individuen in seinem Gleichmaß erhält <üe es vor Gefahren und Erschütterungen, vor Zersetzung und Auflösung bewahrt Aber neben dieser auf den Bestand, auf die feste Ordnung und Regelung des Lebens bedachten Priorei und Religion steht eine andere — und in ihr erst stellt sich das ürgeheimnis und die ürkraft des Sittlichen und des Religiösen vor uns hin. Sie geht nicht auf Ruhe, sondern auf Bewegung; sie ist nicht schlechthin, sondern 23