Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 9 (1933-1934)
- Issue
- Heft 1 (April 1933)
- Article
- Henri Bergsons Ethik und Religionsphilosophie
- Date
- 1933-04-01
- Page
- 22 (sequence 3)
- Language
- German
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Ernst Cassirer Aber eben diese Frage, die RickcrL jeglicher bloßen Lebensphilosophie verwehr!, hat Bergson in seinem jüngsten Werk, in der Schrift „Die beiden Quellen der Moral und der Religion" *) in aller Schärfe und Entschiedenheit gestellt. Man brauchte sich hierüber nicht zu verwundern: denn es ist nicht das erste Mal, und es wird nicht das letzte Mal sein, daß die Metaphysik in ihrer historischen Wirklichkeit die Bedenken und Warnungen der Kritik in den Wind schlägt. Sie pflegt derartigen Bedenken nicht mit rein logischen Erwägungen zu begegnen; sie bleibt nicht bei rein begrifflichen Reflexionen stehen, sondern sie versucht ihnen gegenüber den einzigen Beweis, der ihr als wahrhaft bündig und vollgültig erscheint: den Beweis durch die Tat. Wo die Kritik und die Transzendentalphilosophie noch über die „Bedingungen der Möglichkeit" grübeln, da glaubt sie schon mitten in der Wirklichkeit zu stehen und durch die Berufimg auf sie alle Zweifel beschwichtigen und niederschlagen zu können. Gestehen wir also Bergsons Metaphysik, die ja von sich selbst erklärt hat, daß sie eine „Brüskierung" des Intellekts sein will und sein muß —? il faut brusquer Ies choses et, par un acte de volonte, pousser l'intelligence hors de chez eile — gestehen wir ihr diesen ersten Schritt, diesen Sprung von der Seinsfrage in die Werlfrage zu und betrachten wir lediglich die Gestaltung und die Begründung, die sie der Welt der ethischen und der religiösen Werte gibt. Welcher Gehalt und welche Form läßt sich von einer Wertlchre erwarten, die unmittelbar einer Lebenslehre entsprungen ist — die diese nicht überbieten oder aufheben, sondern die sie vielmehr bestätigen und bekräftigen, die sie in sich rein widerspiegeln will? Wenn Leben „des Lebens höchstes Gut" ist, so schwindet 'Me Jenseiügkeit, alle Transzendenz der Werte. Nur was sich in ihm und für es bewährt, nur was seiner Macht gehorch . und was seine Macht steigert, darf auf Gehör rechnen. Kein Anspruch gilt, der sich nicht dieser höchsten, ja einzigen Forderung gegenüber behauptet. Man müßte daher von einer rein „vjtalislischen" Ethik vor allem eine Apotheose der Macht erwarten. Der Orgiasmus, die Trunkenheit, der dionysische Taumel des Lebens: — dies und dies allein müßte auch sein eigentlicher und sein tiefster ethischer „Sinn" sein. Aber Bergsons Ethik geht nicht den Weg Nietzsches — und ihr Preis des Lebens mündet nicht in einer Lobpreisung des Willens zur Macht aus. Es ist befremdlich, und es kann auf .den ersten Blick geradezu als eine methodische %?en5LBerB*»: Die beIden Quellen der Moral und der Religion. Diederichs, Jena . Geb. RM. ia,5o. 22