Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Politische Ideologien oder Politik für Menschen?
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 493 (sequence 7)
- Language
- German
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Politische Ideologien oder Politik für Menschen? sätzlichkeiten und Unklarheiten auf. Damit verbindet sie eine starke Bequemlichkeit gegenüber den rein jüdischen Fragen, die sich entweder in der Verwendung blutleerer Begriffe von Religion oder Nation oder in völliger Interesselosigkeit äußert. Mit diesen Tatsachen, d.h. mit Menschen dieser Verschiedenartigkeit muß gerechnet werden. Das gilt ebensosehr für die Pläne, die man von außen her mit ihnen macht, wie für die Planung unseres jüdischen Schicksals in Deutschland, das durch jüdische Führung gesichert werden soll, und das Mitleben im deutschen Lebensraum. Jede der jüdischen Schichten hat die ihr eigene Stellungnahme zu Staat und Wirtschaft. Sie folgt den gleichen Anziehungs- und Abstoßungsgesetzen wie die entsprechenden nicht jüdischen Gruppen. Sie hat nur nicht deren Entscheidungsfreiheit, sofern sie ihr Judentum als Charakter indelebilis empfindet und es von außen so angesehen wird. Es ist an sich erreichbar, daß die Zahl von Anhängern einer bestimmten politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Anschauung sich um eine gewisse Anzahl jüdischer Gesinnungsgenossen vermehrt. Aber damit wäre weder für die Gruppen noch für den Juden etwas geschehen, was weiterführte. Bedeutungsvoll würde ein solcher Vorgang erst, wenn der Hinzutritt des Juden eine Veränderung der starren Lesarten oder Anschauungen schafft, die ihm das Beheimatetsein zugleich in seinem und im gewählten Bezirk ermöglicht. Diese Forderung, scheinbar theoretisch und verfehlt, ist aber im lebendigen Gewebe des Gemeinschaftslebens sehr trächtig. Denn die Systematik der verschiedenen politischen Ideologien füllt in der Konstruktion den Raum zwar völlig aus, in der Wirklichkeit aber sind überall und oft Zwischenräume und Lücken vorhanden. Dies gilt für das Gedankliche sowohl als für die Einordnung der Menschen in dieses System. Damit stehen jüdische Menschen, die in die ihnen adäquaten Gruppen hineingehen und ihre Rückbeziehungen zum allgemeinen Prinzip jüdischer Haltung bewahren, ganz natürlich innerhalb der Grenz- und Übergangssphären der starren Ideologien und der immer sehr zahlreichen Menschen, die zwischen ihnen fluktuieren. Juden an solchen Stellen verkörpern die Verbindungsmöghchkeit einer engen menschengebundenen Ordnung mit einem allgemeinen übermenschlichen Prinzip. Sie enthalten damit in sich eine spätere Entwicklungsstufe der neuen Anschauungen, die aus ihrer Enge in eine neue, aber unbegrenzte und gesicherte Weite führen müssen — oder sie waren nur ephemär. 493