Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Politische Ideologien oder Politik für Menschen?
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 492 (sequence 6)
- Language
- German
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Alfred Hirschberg Da ist die breite Schicht des jüdischen Mittelstandes von früher, die eingeschrumpft ist. In ihr sind Liberalismus, demokratischer Gedanke, privatwirtschaftliche Initiative, Familie, Religion als Begriffe zwar noch, aber sehr verblaßt und entkörperlicht, vorhanden. Sie bildet die amorphe Masse, die Gefahr zusammenpreßt und Hoffnung auseinanderstreben läßt und an deren Peripherie unaufhörlich Menschen dem Judentum verloren gehen. Sie sind Nachlaßverwalter eines Besitzes, dessen Wert zu erhalten sie außerstande sind. Da ist die Schicht der politisch interessierten jüdischen Intellektuellen, denen die Gestaltung des innerpolitischen Lebens eine Verwirklichung ihrer politischen Vorstellung unmöglich macht und die deswegen in einem teilweise geistblendenden und theoretisch einwandfreien Radikalismus prinzipiell Opposition sind. Sofern sie sich jüdisch verpflichtet fühlen, werden sie innerjüdische Politiker. In Verkennung von Größen- und Aufgaben-Ordnung übertragen sie Probleme und Gewohnheiten der allgemeinen Politik auf die innere Auseinandersetzung, verwirren damit die Fronten und zerstören Ansätze neuen jüdischen Gemeinschaftsgefühls. Da sind die zahlenmäßig von Jahr zu Jahr anwachsenden Schichten jüdischer Arbeitnehmer und Erwerbsloser. Für sie ist die bestehende Wirtschaftsordnung der Feind, das ihnen dargebotene Judentum unverständlich, fremd, überflüssig. Den Feind bekämpfen sie in der Klassenfront. In ihr gehen sie, unbelastet durch Verpflichtungen gegenüber dem Judentum, total auf. In diesen Menschen vollzieht sich die „rote Assimilation". Für sie fängt die „jüdische" Solidarität beim jüdischen Klassengenossen an, wenn sie überhaupt mehr als nur Klassensolidarität anerkennen. Da ist die Schicht der jungen Menschen, die wir „Bürgersöhne" nennen möchten. Sie haben entweder gesicherte Zukunftsaussichten, sofern die Wirtschaftsform, die sie ermöglicht, unverändert bleibt. Oder sie fürchten eine von bürgerlicher Lebensform entblößte Zukunft und schaffen sich deswegen eine bürgerliche Ideologie. Oder sie treten aus der Langeweile ihrer Gesichertheit oder der Verzweiflung ihrer Zukunftslosigkeit in Opposition zu ihrer Herkunft. Diese Menschen, die zahlenmäßig verhältnismäßig stark sind und die aus den jungakademischen Kreisen mancher Landesteile Zustrom erhalten, stellen sowohl die jüdischen Anhänger der Parolen von Autarkie, von „Total", von ständisch, von bündisch ebenso wie die jüdischen Kommunisten der Gesinnung. Auch im Judentum also weist die bürgerliche Schicht, den Tatsachen der Gegenwart gegenüber ideologisch am schwächsten untermauert, die stärksten Gegen- 492