Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Politische Ideologien oder Politik für Menschen?
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 494 (sequence 8)
- Language
- German
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Alfred Hirschberg Unsere Forderung an Menschen der jüdischen Gemeinschaft, sich zu den Kräften der Gegenwart zu stellen, bedeutet zusammengefaßt, daß sie diese Epoche überdauern sollen. In ihr liegt die einzige Lebensmöglichkeit, die uns die Verbindung mit der Zeit nicht verlieren läßt, aber uns mit ihren Störungen auch nicht aus unserer Lebensordnung herausreißt. In bewegter Umwelt eigenbewegt zu bleiben, ist jüdische Aufgabe und jüdisches Schicksal. Rechtskämpfe, Verfassungsschutz, vom Augenblick gefordert, zeigen dann auch in ihren augenblickbedingten Erfordernissen tiefere Begründung und über Formales h in ausreichenden Anspruch. Sie werden mehr als nur Peripherie des Bereiches, in dem wir anerkannt leben wollen. Ein späterer Rückblick auf Deutschlands innere Geschichte wird das Vorhandensein eines Menschenkreises, der aus Selbsterhaltungsgründen sich nicht an zeitgebundene Forderungen völlig hingeben konnte, als bedeutungsvoll für den inneren Fortschritt Deutschlands erkennen. Der Zwang zur Reserve gegenüber deutschen Gegenwartsfragen in ihrer ideologischen Zuspitzung bedeutet keine innere Distanzierung zu Deutschlands Schicksal. Das deutsche Judentum darf sich nicht Strömungen verpflichtet fühlen, weil sie gerade modern sind, oder Meinungen, weil sie zufällig herrschen. Seine Verpflichtung, seine Verknüpfung und sein Anspruch rechnet mit einem überzeitlichen deutschen Gedanken, der Weite und Freiheit für alle enthält, die mit ihm lebensformendes Gemeinschaftsgefühl haben. Bemühungen, die jüdischen Menschen in Deutschland aus einer vorgestellten Einheit zur tatsächlichen Einheit zu führen, gehen fehl. Auch wenn man die Atomisierung des Judentums in Kauf nähme, der Vernichtung eines Eigenwertes, der seinen Platz in der wesenhaften deutschen Entwicklung hat, muß vom deutschen Standpunkt her abgeraten werden. Diese Betrachtungen setzten das Judentum für die jüdischen Menschen in Deutschland immer als eine vorhandene Größe voraus, ihre Bestimmung steht noch aus. Auch hierbei wollen wir versuchen, das Leben zu sehen, d.h. die Tatsachen und die Menschen wie sie sind. Es gibt jüdische Menschen, die religiöses Judentum leben, es gibt jüdische Menschen, die Judentum verwalten, es gibt jüdische Menschen, die Judentum wollen und es gibt jüdische Menschen, die Judentum noch nicht abgestreift haben. Derselbe Begriff wird jedesmal anders verstanden und schafft jedesmal andere Zusammenhänge mit den Menschen. Die Erörterung ist unwichtig für die Sicheren und Gesicherten, d.h. für die im Dogma Gebundenen und für die verhältnismäßig Vielen der älteren Generation, in denen Vorstellung und Wirk- 494