Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Politische Ideologien oder Politik für Menschen?
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 488 (sequence 2)
- Language
- German
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Alfred HirscKberg die nahe Zukunft kennen nur den Zustand der Mannigfaltigkeit und Zerrissenheit, innerhalb der Kräfte, die man als jüdische Geistigkeit zu bezeichnen pflegt, und mit diesem Zustand ist zu rechnen. Das große Mißverhältnis zwischen der Einheitlichkeit, in der man uns sieht und der Verschiedenartigkeit, die wir aufweisen, bedeutet das grundlegende Mißverständnis, das den außenstehenden Beurteilern und Auswegweisern des Judentums unterläuft. Ein zweiter Fehler wird begangen: die Warnung der Statistik vor der Bewertung der „kleinen Zahlen" wird bei den Gesetzmäßigkeiten unserer kleinen Gemeinschaft übersehen. Dieser Doppelfehler vermehrt die Fehlerquelle um mehr als aas Doppelte. Denn eine wirtschaftlich und geistig geschlossene Gruppe könnte auch bei kleiner Zahl einheitliche Richtung und einheitliche Abkehr wollen und finden. Eine uneinheitliche, aber zahlenmäßig beträchtliche Gruppe könnte erhebliche Menschenmengen an jede Anschauung abgeben. Eine kleine uneinheitliche Gruppe aber muß sich durch den Zwang zu bestimmter Anschauung atomisieren. Und ein drittes: Auch die Umwelt zeigt kein einheitliches und noch weniger ein unveränderliches Gesicht. Parolen auf allen Lebensgebieten wechseln, und rascher noch ibre Träger. „Hosiannah" und „Kreuzige" tönt zu derselben Idee und aus denselben Kehlen unmittelbar nacheinander. Selbst wenn ein beherrschender und formender Wille unsere jüdische Gemeinschaft zur Verwirklichung einer im Augenblick gültigen und aussichtsvollen ideologischen Zielsetzung zusammenfaßte und vorwärts triebe, befände sie sich nur für kurze Zeit mit ihr im Einklang. Beharrten wir, während die Umwelt sich wandelt, so ginge unsere jüdische Gruppe bald wieder ins Leere oder sie geriete in Gegensätze zu neuen Um Weltanschauungen. Weltanschauliche Auseinandersetzungen vollziehen sich in Deutschland heute viel stärker akustisch und optisch als geistig. Die psychologischen und soziologischen Gründe, aus denen heraus die Vorkriegsgeneration mit einer peinlichen Widerstandslosigkeit sich jeder neuen Strömung hingibt, wenn sie überscharf zu hören und zu sehen sind, werden hier nicht aufgeführt. Die deutsche Eigenart, zu jedem Geschehen eine Theorie zu finden und eine Reibe von Theorien als Weltanschauung aufzumachen, bestätigt sich aucjh den Gegenwartserscheinungen gegenüber. So fand beispielsweise die seelische und wirtschaftliche Unmöglichkeit bestimmter Menschentypen der Kriegszeit, sich in das zivile Leben — um das vieldeutige Wort „bürgerlich" zu vermeiden — wieder einzuordnen und überall dort zu sein, wo Krieg oder kriegsähnliche Geschehnisse sich vollziehen, ibre theoretische und literarische Unterbauung. Dabei handelt es sich 488