Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Politische Ethik
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 479 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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„Politische Ethik" wird immer wieder, wenn er solche Sätze, wie: jeder ist ein Mörder, ist ein Ehebrecher, liest, fragen, was denn nun, auch vor Gott, den, der die Tat wirklich begangen hat, von dem, der sie nicht begangen hat, unterscheidet.) Man kennt die Glaubenshaltung, die hier zugrunde hegt und mit einer großartigen Unbedingtheit festgehalten wird; es ist die Theologie des Paulus, im Inhalt und in der Schwere und Verschlungenheit des Wortes. Ihr kann man, wie bereits gesagt, nur das jüdische Denken gegenüberstellen, und in dieser Gegenüberstellung zugleich andeuten, was an den Formulierungen Gogartens verfehlt erscheint. Das jüdische Denken geht davon aus, daß Gott dem Menschen die Kraft verliehen hat, das Gute zu tun, und daß darin die Gottesebenbildlichkeit des Menschen besteht.1) Es weiß um die Kraft und Gewalt des Bösen und weiß darum, daß der Mensch die Hilfe Gottes in seiner Tat nicht entbehren kann; aber es erkennt dem Bösen nicht die Rolle einer selbständigen, dem Fatum der Antike vergleichbaren, Macht zu. Es läßt den Menschen in sich den Kampf zwischen gut und böse ausfechten und betont das so stark, daß mit bezug auf die Bezeichnung des Triebes als „böser" Trieb der Satz geprägt werden konnte: „und wenn Du nun fragst, warum schuf Gott überhaupt erst den ,jezer hora,' den bösen Trieb? antwortet Gott: wer macht ihn denn zum bösen Trieb, nur du selbst" (Tanchuma zu i. B. M. 8, 21). So wenig empfindet jüdisches Denken das Böse als ein Verhängnis, das zur Verdammnis führen muß, daß man den Satz formen konnte: „Warum heißt es in der Schöpfungsgeschichte immer ,und Gott sah, daß es gut war', nach der Erschaffung des Menschen aber ,und Gott sah, daß es sehr gut war'? Gut, das ist der gute Trieb, sehr gut, das ist der böse Trieb." (Bereschith rabba Abschnitt 9.) Das will sagen: das was man die Macht des Bösen nennt, ist der Ausgangspunkt zu dem großen nie abreißenden Kampf, den der Mensch in sich und mit sich ausfechten muß, und auf ihm beruht alle Sittlichkeit, er ist die Geburt der Ethik. Und da das Gute, um das der Mensch ringt, am anderen geschehen muß, ist Ethik in der jüdischen Frömmigkeit nie Selbstverantwortung, sondern Verantwortung vor dem anderen und für die Welt im Ganzen. Von dieser Vorstellungausgehend konnte man dann schließlich sagen, daß man Gott lieben kann und. muß mit beiden Trieben, dem guten und dem bösen. (Berachoth 5&a). Wie Hilfe und Gnade Gottes mit dem Tun des Menschen mitwirkt, das ist das große!) All dies ausführlicher in Dienemann: Judentum und Christentum, 2.Aufl. J.Kauffmann Verlag, Frankfurt a.M. 479