Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Italienischer und deutscher Fascismus
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 474 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Rita Hirschberg-Neumeyer sich historisch perpetuiert; Masse, die zur Einheit wird durch eine Idee, die Wille zum Dasein und zur Macht ist: Selbstbewußtsein, Persönlichkeit. Diese höhere Persönlichkeit ist wohl Nation, soweit sie Staat ist. Es ist nicht die Nation, die den Staat gebiert, wie es die veraltete naturalistische Anschauung behauptete, die der Publizistik der nationalen Staaten im 19. Jahrhundert zugrunde lag. Im Gegenteil, die Nation wird in dem Staat geschaffen, der dem Volke, das sich seiner moralischen Einheit bewußt ist, einen Willen und somit eine effektive Existenz gibt. Das Recht einer Nation zur Unabhängigkeit entsteht nicht aus einem literarischen und ideellen Bewußtsein seines eigenen Seins und noch weniger aus einer tatsächlichen Lage, die mehr oder weniger eine bewußte und unaktive ist, sondern aus einem aktiven Bewußtsein, einem aktiven politischen Willen, der bereit ist, sein eigenes Recht zu beweisen." Dies ist reiner politischer Aktivismus: der Wille schafft sich den Geist, den er für seine politischen Zwecke braucht Deshalb wird durchaus nicht der Wert der Geschichte und der Tradition verneint; das würde der Einfügung des Menschen in die gegebenen Gemeinschaften der Familie, der sozialen Gruppen und der Nation widersprechen. Es werden nur alle teleologischen Auffassungen abgelehnt, weil auch nicht an die „Möglichkeit der Glückseligkeit auf der Erde" geglaubt wird. Denn Geschichte und Leben sind „dauerndes Fließen und Werden. Der Fascismus will politisch eine realistische Doktrin sein"---- In dieser realistischen Praxis ist fredlich die Gefahr eines autoritativen Willens, der sich vor bewußter Unterdrückung fremden Willens nicht scheut, klar in Erscheinung getreten. Doch bringt die entgegengesetzte deutsche Einstellung, wonach der Geist und der Wille erst durch das Volk geschaffen werden, die politisch ebenso große Gefahr mit sich, daß überhaupt kein politischer Wille zustande kommt, eine Erfahrung, die wir in den letzten Jahren reichlich gemacht haben. Bei aller klaren Erfassung des Wesens des Politischen, finden wir aber in der itaHenischen Theorie, wie Croce ausführt, der Politik die Ethik übergeordnet. Denn die Persönlichkeit ist wohl bestimmend für die Politik, gleichzeitig aber ist sie der ethischen Entscheidung unterworfen. Daher auch der große Einfluß und die hohe Bewertung von Kultur und Erziehung, die wir im Fascismus finden. Von einer freien und sozialen Weltanschauung ausgehend, verlangt er als einzige Voraussetzung für die Aufnahme in die fascistischen Reihen lebendigen Willen, Fähigkeiten und die Gewähr für eine einwandfreie fascistische Gesinnung. Das Judentum in Italien tendiert zwar gesellschaftlich trotz oder gerade wegen seiner Gleichberechtigung zur Bildung natürlicher jüdischer Gruppen; im fascistischen 474