Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Italienischer und deutscher Fascismus
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 475 (sequence 12)
- Language
- German
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Italienischer und deutscher Faszismus Staatsleben ist es vollkommen gleichberechtigt eingereiht. Im Verhältnis zu seinem geringen Prozentsatz (1,2 bis i,3 vom Tausend) sind die hohen Stellen sogar ziemlich stark mit Juden besetzt. Ich erinnere nur an den derzeitigen Fmanzminister. Es wäre auch falsch, den fascistischen Nationalismus als einen agressiven und militaristischen Störenfried aufzufassen. Mussolini ist, wenn auch nicht aus reiner Friedensliebe, für Abrüstung und Gleichberechtigung eingetreten. Gerade aus der Idee des Organischen heraus wird, wie die Persönlichkeit dem Staate, so der Staat dem höheren Organismus der Menschheit eingegliedert. Immerhin enthebt das nicht der Pflicht, bereit zu stehen für alle Gefahren. Ebensowenig ist Mussolinis Wirtschaftspolitik auf Autarkie eingestellt; dem widerspricht die wirtschaftliche Struktur des Landes, die auf hochwertigen Spezialprodukten aufgebaut ist. Allerdings hat Mussolini starken Anreiz für aie Landwirtschaft gegeben, aus den gleichen Erwägungen, die eine Pflege der Landwirtschaft auch in Deutschland notwendig machen. Für das Judentum ist dieses allgemein politische Problem insofern wichtig, als seine Nichtbeachtung, wie sie z. B. Alfred Markus zum Ausdruck bringt, die wirtschaftliche Lage des Judentums ernst gefährden kann; die Schwierigkeiten einer solchen Umstellung sollen dabei nicht unterschätzt werden. Das schwere Schicksal des Juden und sein Glaube müßte ihn zu der Erkenntnis führen, daß Patentlösungen für die in der menschlichen Natur gegründeten Probleme nicht möglich sind. Er wird daher zu schroffen individualistisch-universalistischen und liberalistischen planwirtschaftlichen Gegenüberstellungen sich gleich skeptisch verhalten. Das Leben ist Kampf und Weg und nicht Lösung. Es verlangt immer wieder Einsatz und Entscheidung. Das ist auch die fascistische Grundhaltung. Die große Verschiedenheit des deutschen und italienischen Fascismus zeigt sich darin, daß der italienische sich darauf beschränkt, diese Haltung an den wechselnden Inhalten der Realpolitik zu bezeugen. Er hat eine starke Regierung getragen, aber die Grundlagen der Gesellschaft, die im Religiösen und Menschlich-Psychologischen begründet sind, kaum berührt. Das hat vom deutschen Standpunkt aus dem italienischen Faszismus den Vorwurf des Oberflächlichen eingebracht. Diese klare Scheidung von Politischem und Nichtpolitischem könnte auch bei uns in Deutschland zu einer „Entkonfessionalisierung" der Politik führen, zur Rettung der Politik und der Konfessionen. Denn die Idee des Organischen bedeutet, daß eine Kraft die andere ergänzt, nicht aber sie ersetzt. 475