Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Italienischer und deutscher Fascismus
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 472 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Rita Hirschberg-Neumeyer quälten Ausdrucksweise Mussolinis merken wir die Schwierigkeit, eine aristokratisch-individualistische Weltanschauung, die er im Grunde vertritt, für die Volksgesamtheit gültig zu machen: „Als eine antiindividualistische Auffassung, ist die fascistische Auffassung für den Staat und sie ist für das Individuum, insofern es mit dem Staat zusammenfällt, der das Universalbewußtsein und den Universalwillen des Menschen in seiner geschichtlichen Existenz darstellt." Die Persönlichkeit wird bejaht, soweit sich ihr Wille mit dem des Staates identifiziert. Das ist die gleiche Tendenz, die auf realpolitischem Gebiet die N.S.D.A.Pmit ihrer Parole ausdrückt: „Gemeinnutz vor Eigennutz". Das unterscheidet den fascistischen Menschen vom liberal-mdividualistischen, daß er die individuelle schöpferische Leistung zwar bejaht, aber in den Staat funktionell einbaut. Daher bejaht Mussolini, wie er in der Carta del Lavoro ausdrücklich feststellt, die Privatinitiative und somit das System des Kapitalismus. Allerdings kommt gerade das im Dezember ig$2 beschlossene Gesetz über die Konzessionspflicht neuer Industriegesellschaften einer Planwirtschaft schon recht nahe. Bezweckt wird dadurch aber nur die Verhinderung von Scheingesellschaften und Überinvestitionen. Wir sehen übrigens, daß auch in Deutschland die stärksten Vertreter, wie Othmar Spann, ihre vereinfachende universalistische Tendenz durch Verklausulierungen und vorsichtige Mithereinnahme individualistischer Momente abschwächen. Im Widerspruch zum Marxismus steht auch die Verneinung des Klassenkampfes, an dessen Stelle der „Kampf der Fähigkeiten" gesetzt wird. Dieser sogenannte Anticlassismo beruht trotzdem auf einer demokratischen und sozialen Grundlage. Er räumt zwar mit der ungerechten Fiktion einer nicht vorhandenen Gleichheit der Menschen auf; statt der Nivellierung aller nach unten soll die Hebung der wirklich Fähigen erreicht werden. Dadurch verhindert der Fascismus aber auch die Bildung großer gesellschaftlicher Gruppen, die dem Bestand des Staats gefährlicher werden können als die zerstreut untereinander sich messenden Einzelindividuen. Um die amorphe Masse der Individuen in den Staat einzuordnen, geht man von dem sozialen Prinzip der Arbeit aus. Daher ist auch das italienische Volk mit einer Arbeit-Charte bedacht worden, die verfassungsmäßigen Charakter trägt. Daß im italienischen Spezialfall der hierarchisch-korporative Aufbau fiktiv ist, weil das Korporationswesen von den Parteiinstanzen beherrscht und das mit den Föderationen verbundene Wahlrecht durch die Abänderungsmöglichkeiten des fascistischen Großrats zur Farce wird, spricht nicht gegen die prinzipielle Möglichkeit, einen berufs- 472