Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Italienischer und deutscher Fascismus
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 470 (sequence 7)
- Language
- German
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Rita Hirschberg-Neumeyer der „Menschen des Reiches" konstruiert und die Idee des Reiches vergötzt hat. Den umgekehrten Weg der Durchdringung des Staates mit einer gegebenen Religion, nämlich der christlichen, geht Stapel. Hier wirkt noch die Erinnerung an die früheren Landeskirchen nach. Doch widerspricht eine solche Durchdringung von Staat und Kirche nicht nur dem evangelischen Dogma, sondern, durch die konfessionelle Uneinheitlichkeit Deutschlands, der gegebenen realpolitischen Wirklichkeit. Die katholische Barche und zum großen Teil auch die protestantische, insbesondere die dialektische Richtung darin, rechnet mit den gegebenen Tatsachen. Dem Staat wird sein eigenes Gebiet überlassen, die Potestas, während die Kirche allein die geistige Auctoritas behält. Dem Staat wird seine Hoheit davon zugebilligt, „daß er jene dämonische, die menschliche Existenz bedrohende Macht bannt" (Gogarten). Remerkenswert ist, daß diese Auffassung des Lebens als eines dauernden Kampfes, den die menschliche Natur mit all ihren Schwächen bedingt, von der staatsrechtlichen Seite her aufgenommen und weitergeführt wird. So bezeichnet Karl Schmitt die Erkenntnis des Dynamischen und somit gefährlich Bösen in der menschlichen Natur als das Merkmal „einer echten politischen Theorie". Steht diese heroisch-pessimistische Auffassung des Lebens, die einer materialistischen Auffassung, wie sie der Marxismus predigt, widerspricht, im Gegensatz zu der jüdischen, die den Kampf um die innere Vollendung immer wieder neu stellt? Es zeigt sich, daß dort, wo die geistige Kraft sich am stärksten fühlt, sie am unbedenklichsten das Politische freigeben kann. Dies beweist am besten gerade die jüdische Geschichte. Allerdings muß sich das Religiöse, um in Erscheinung zu treten, irdischer Mittel bedienen, und es kann dabei im Politischen, wo dieses auch die Sphäre des Geistigen in Anspruch nimmt, Widerstände finden, die seine Existenz vernichten. Diese Entwicklung zeigt das Schicksal der Kirchen in Sowjetrußland. Einen praktischen Ansatz zu dieser Totalität und eine schwere Konkurrenz für alle anderen geistigen Kräfte ist die Einrichtung des Dopolavoro in Italien, <3ie das gesellige Leben des arbeitenden Menschen nach der Arbeit zu monopolisieren droht. Jede religiöse Macht kann daher, wenn sie nicht selbst Herrscherin in einer Theokratie ist, nicht sorgsam genug darüber wachen, daß die notwendigen Grenzen desStaats gegenüber der geistigenSphäre des Individuums, für die Freiheit gefordert werden muß, gewahrt bleiben. Mussolini hat schon infolge des realen Widerstandes der katholischen Kirche diese Grenzen respektieren müssen und sich mit der Fiktion begnügt, als welt- 470