Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Italienischer und deutscher Fascismus
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 468 (sequence 5)
- Language
- German
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Rita Hirschberg-Neumeyer Es fehlt dem italienischen Sozialismus, dessen Bewegung anfangs durch einzelne terroristische Gewaltakte in Erscheinung trat, der große internationale Zug; wir sehen die Vereinbarkeit von nationalem Helden und Sozialismus bei Garibaldi. Andererseits fehlte diesem italienischen Sozialismus nicht eine gewisse außenpolitische Begehrlichkeit, die schon imperialistische Züge trug. Die Verschmelzung des Sozialismus und Nationalismus, die bei uns erst nach dem Kriege stattfand, war in Italien bereits vor dem Krieg vorbereitet. Mussolini hatte nur an Stelle des Mythos des Generalstreiks den Mythos der Nation zu setzen. Als Mussolini 1914 für den Krieg warb, fand er Anschluß an die nationalistische Bewegung, die sich ähnlich wie jetzt bei uns in verschiedenen um Zeitschriften und Verlage gelagerten „Kreisen" sammelte. UL Die Einzelprobleme 1. Der totale Staat Grundlegend war für Mussolini der Begriff des totalen Staates, der sich gemäß Äußerungen Göhrings aus letzter Zeit mit den Grundanschauungen der N.S.D.A.P. deckt Doch steckt gerade in diesem überaus umfassenden Begriff die ganze Problematik der fascistischen Anschauung. Wie wird dieser totale Staat, der alle Lebensregungen seiner Staatsbürger erfaßt, sich mit allen nicht unmittelbar staatlichen Bezirken auseinandersetzen, insbesondere mit den religiösen und wirtschaftlichen? Bei diesen Betrachtungen dürfen wir die Entwicklung des Fascismus nicht vergessen, der eigentlich aus der Tat heraus entstanden ist. Erst im Laufe der Zeit, als die Fasci bereits das Stadium der Partei hinter sich hatten und der frühere Anarchist Mussolini als Regierungschef das Königreich Italien lenkte, finden wir feststehende Grundsätze. So war der Anspruch auf Totalität, zunächst eine politische Unentbehrlichkeit um den einheitlichen Willen des Duce den gegnerischen Kräften gegenüber durchzusetzen. Realpolitisch war dieses Dogma nichts anderes als ein Deckmantel für den Willen zur Diktatur. Verräterisch ist auch, daß in den Ausführungen der „dottrina" Mussolinis dem Bekenntnis zum totalen Staat eine Auslegung der Freiheit vorausgeht, die an ihrer eigenen Gewundenheit erstickt. Selbstverständlich ist, daß im gleichen Zusammenhang, wenn auch mit einer Verbeugung vor seiner historischen Funktion, eine Absage an den Liberalismus steht. „Der Liberalismus verneint den Staat im Interesse des Einzelindividuums; der Fascismus bejaht den Staat als die wahre Realität des Einzelmenschen." Klar ist erkannt worden, daß der Staat, wo er sich als Allbeherrscher aufspielt, 468