Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Die politische Front des Liberalismus und der religiösen Mächte in der Volks- und Staatskrise
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 462 (sequence 18)
- Language
- German
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Ernst Michel strebigen und staatsvergötzenden Völkern ein lebendiger Gewissensstachel zu sein. Die heutige Abwehrbewegung gegen das Eindringen der Juden in die staatlichen Machtpositionen mag im Hinblick auf ihre Träger ungerecht und verwerflich sein, sie ist doch zugleich auch, zunächst innerjüdisch gesehen, ein sehr ernstes Gericht für das Judentum. Aber dieses Gericht geht im Juden auch den Christen, der mit dem jüdischen Volk durch Gebot und Heilsgeschichte unlösbar verbunden ist, an und deshalb durfte hier davon gesprochen werden. Denn es ist für das religiös-politische Ethos des Christentums heute mehr denn je von zentraler Bedeutung, daß Israel als ein einzigartiges Beispiel eines Volkes, das seine Volkheit einzig dem Bund mit Gott verdankt und nur in diesem Bund seine leibhafte Volkheit — auch in der räumlichen Zerstreuung — hat, gegenwärtig und wirklich ist. Ist doch die Situation so, daß die europäische Völkerwelt im Zustand der Erschöpfung der natürlichen Volkskräfte sich vor der entlarvten Künstlichkeit der modernen gesellschaftlichen Lebensformen, den Ruf zur Umkehr überhörend in die Vertrotzung restaurierten Volkstums und in die Hybris selbstherrlicher Staatlichkeit flüchtet. An diesem geschichtlichen Entscheidungspunkt, an dem es darauf ankommt, daß die Völker in ihrem natürlichen Verfall, in ihrem nackten gesellschaftlichen Dasein Gericht und Umkehr als religiös-politischen Anspruch erfahren (und nicht auch noch von christlicher Seite in den ausweglosen Dualismus von schlechthin sündiger Geschöpflichkeit und schlechthin jenseitiger Erlösungswolke festgehalten werden) — an diesem Entscheidungspunkt ist jüdisches Volk der unentbehrliche Zuchtmeister christlich-prophetischen Wirkens in die politische Welt hinein. Nur ein Judentum, dessen Politik unter dem Anspruch der Herrschaft Gottes geschieht, nur ein im biblischen Glauben verwurzeltes Judentumx) also wird eine echte Mission im öffentlichen Leben unserer Geschichtsstunde haben. Das bedeutet aber praktisch keinesfalls eine Rückkehr ins Ghetto, sondern eine Einordnung in die gesellschaftliche, volkliclie Front an jeder möglichen Stelle, jedoch unter dem einzigen überragenden Anspruch, darin gläubiggehorsames Volkstum zu leben und so als Sauerteig zu wirken: gegen Nationalismus und Staatsvergötzung. In diesem Sinne ist Israel als „Versuchsmenschheifc Gottes" bezeichnet worden. x) Daß ich hier nicht der jüdischen „Orthodoxie" das Wort rede, mich überhaupt der Stellungnahme zu den inner jüdischen religiösen Richtungen enthalte, dürfte wohl klar sein. 462