Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1933)
- Article
- Die politische Front des Liberalismus und der religiösen Mächte in der Volks- und Staatskrise
- Date
- 1933-02-01
- Page
- 463 (sequence 19)
- Language
- German
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Die politische Front des Liberalismus und der religiösen Mächte in der Volks- und Staatskrise Heutiges „Volk" als Schicksdsgemeinschaft einer gegensätzlich zerspaltenen Gesellschaft bedarf des jüdischen Volksteils notwendigerweise, nicht als einer religiösen Gruppe im engeren Sinne, als einer Konfession, sondern gerade in seiner wesentlich religiös-politischen Daseinsform. Damit aber steht das Judentum in der politischen Situation Europas wesensmäßig und geschichtlich in eben jener volkspolitischen Kampfes- und Gestaltungszone der Gesellschaft, der unsere bisherigen politischen Darlegungen galten. Denn der religiös-politische Anspruch auf Volk Gottes ergeht an den Juden nicht nur als Glied des „jüdischen Volkes", sondern nimmt den Weg hindurch auch auf seine Gliedsituation inmitten der „fremden Völker", unter denen er Platz genommen hat. Unter dem echten Einfluß Israels haben die Völker ihr Eigenes nie verloren, sondern immer erst gewonnen. Aber dieser Auftrag und Anspruch ergeht an den Juden im strengen Sinne des Wortes, und nur um ihn kann es für den deutschen Christen gegen den Antisemitismus einen restlosen Einsatz geben, nur mit ihm eine gemeinsame politische Position. Wenn wir damit das verweltlichte und das dem Staatsgeiste verfallene Judentum aus dem bedeutsamen politischen Aufgabenkreis, den wir dem echten Judentum zusprechen, ausschließen, so will dies also nicht heißen, daß damit das Judentum auch aus der Front des gewandelten politischen Liberalismus, dessen neues Aufgabengebiet oben umrissen wurde, ausscheiden müsse. Im Gegenteil, jene dem erneuerten Liberalismus zugewiesene politische Volksfront bedarf gerade des echten religiös-politischen Einsatzes der Juden, um über den Charakter einer zeitlich begrenzten politischen Aufgabenstellung hinaus einen letzten verantwortlichen Ernst und eine für die Zeitenwende der Politik entscheidende Kraft zu gewinnen. Denn diese vermag ihr eine wie immer geartete und begründete christliche politische Ethik oder Soziallehre allein nicht zu geben. Mit dem Juden aber würde sich jene geschichtlich geforderte politische Volksfront eben des Volkselementes versichern, das in Abfall, Leid und Umkehr seit Jahrtausenden in der umfassenden religiösen Verantwortung seines politischen Volkslebens steht und mit dem Königtum Gottes Ernst gemacht hat. Darum aber geht im Abendland nach dem Zeitalter der eigenständigen Nationen und selbstherrlichen Staaten die Entscheidung. „Die wahre Zucht von Mensch und Volkstum ist der Christenheit nur im inneren Einklang mit dem echten Juden, dem Träger des Gesetzes Gottes, möglich" (Hans Ehrenberg). 463